Hochfahren

Vorgestern Nachmittag kam nun eine Mail der Ärztekammer für Tirol, dass wir ab sofort wieder beginnen sollten, unsere Ordinationen "hochzufahren".

Allerdings mit Einschränkungen:

Keine potentiell infektiösen Patienten zu gesunden Patienten, nicht mehr wie 1 Person pro 10m² ins Wartezimmen (bei unseren 26 m² bedeutet das 2, allerhöchstens 3 Personen ins Wartezimmer). Wenn möglich alle Ordinationen auf Termin. Alle Patienten mit Mundschutz.

Wir werden jetzt ab kommender Woche beginnen, neue Strukturen bei uns einzuführen. Eigene Zeiten für geplante Blutentnahmen und Gerinnungstests, ab kommender Woche ein, dann bis auf weiteres zumindest wieder zwei Nachmittage 17.00 bis 19.00h geöffnet. In weiterer Folge Wiederaufnahme von Vorsorgeuntersuchungen, welche ohnehin nur auf Termin möglich sind.

Funktionieren kann das alles nur mit Unterstützung unserer Patienten. Besuche in unserer Praxis bis auf Weiteres wenn möglich nur nach telefonischer Voranmeldung!

Vor allem, wenn eine COVID-Infektion nicht auszuschließen ist, bitte ZUERST mit 1450 oder mit uns Kontakt aufnehmen!

Das Chaos um die Dunkelziffer

Nun ist sie also da: die erste Studie zur Dunkelziffer der COVID-19 positiven Menschen in unserer Bevölkerung. Ergebnis: Die Dunkelziffer liegt bei 28.500 Fällen. Genauer gesagt irgendwo zwischen 10.200 und 67.400 Fälle. Aber das auch nur mit einer 95%igen Wahrscheinlichkeit. Jetzt wissen wir Bescheid, oder?

Falls der geneigte Leser gerade Schmunzeln sollte - dann geht es Ihnen wie mir beim Tippen dieser Zeilen. 

Wie kommt dieses Resultat zustande?

Zusammenfassend wurden etwas über 1500 zufällig ausgewählte Personen mit PCR getestet. PCR bedeutet, nur im Moment aktive Infektionen werden gefunden, abgelaufene Infektionen nicht. Von diesen 1500 zufällig ausgewählten Probanden haben 3 angegeben, sie wären bereits positiv getestet worden - auf einen weiteren Test wurde verzichtet. Unter den übrigen 1500 Getesteten wurden nun 2 positiv getestet. Die 3 "Vorerkrankten" und die 2 positiv Getesteten machen nun 5 Positive - von den 1500. Diese an Aussagekraft kaum zu überbietende Zahl wurde dann von einem Institut für Statistik (SORA) aufbereitet. Resultat: Das 95% Konfidenzintervall (also der Bereich, in dem wir von einer 95% Wahrscheinlichkeit ausgehen dürfen, dass das Ergebnis stimmt) liegt zwischen 10.200 und 67.400. 

Fazit: einzige Aussage dieser "Studie" ist, dass es im Moment nur wenige unentdeckte aktive Infektionen gibt. Um eine Antwort auf die Frage zu bekommen, wie hoch der Anteil der Bevölkerung ist, die bereits eine COVID-19 Infektionen durchgemacht hat (Stichwort Herdenimmunität), brauche ich keine PCR, sondern einen (möglichst genauen) Antikörper-Test. Durchgeführt an vielen tausenden zufällig ausgewählten Menschen.

Und nur mal so unter uns: ob ich nun 50.000 oder 300.000 abgelaufene Covid-Infektionen in Österreich habe, macht in Hinblick auf die vielfach erhoffte Herdenimmunität bei fast 9 Millionen Einwohnern keinerlei Unterschied. Es gibt keine. Wenn wir also nun die Einschränkungen lockern, beginnt das Spiel von vorne!

Antikörpertests

Da sich inzwischen die täglichen Anfragen zu den Antikörpertests häufen:

Nehmen wir einmal an, die derzeit angebotenen Tests liefern wirklich das Resultat, das sie versprechen:

Sensitivität 100%: d.h. JEDER mit Covid Infizierte ("positiv") wird richtig erkannt.

Spezifität 98% (mehr hat im Moment kein mir bekannter Test): d.h. 98 von 100 bisher nicht Infizierten werden richtig als nicht infiziert ("negativ") erkannt. Bei 2 von 100 kommt fälschlicherweise heraus, dass sie Antikörper gegen Covid hätten, obwohl es nicht stimmt ("falsch positiv")

Naja, 2 von 100 falsch, damit kann man doch leben, oder?

Das Problem ist die extrem niedrige "Vortestwahrscheinlichkeit", also wie viele positive ich zu erwarten habe:

Bleiben wir in Tirol mit offiziell ca. 3000 positiv getesteten Menschen. Nehmen wir eine sehr hohe Dunkelziffer an und gehen wir von insgesamt 10 mal soviel Covid-Positiven, also 30.000 Menschen mit Antikörpern aus. Tirol hat 750.000 Einwohner, rechnen wir mit  Studenten und getesteten Touristen der Einfachheit halber mit 1.000.000 Menschen insgesamt, von denen nun 30.000 positiv sind.

Jetzt teste ich 100.000 von diesen Menschen auf Covid-Antikörper. 3.000 von den 100.000 werden richtig erkannt, Antikörper vorhanden.

Jetzt kommt das Problem: von den verbleibenden 97.000 werden 98% richtig als nicht infiziert erkannt, "nur" 2% sind falsch positiv. Das heißt, bei 1940 Menschen kommt beim Test heraus, sie hätten Antikörper - obwohl sie keine haben.

Für den einzelnen positiv Getesteten bedeutet das nun, dass die Wahrscheinlichkeit, wirklich wirksame Antikörper zu haben, bei 3000 zu 1940, anders gesagt bei ca 60% liegt. Von 10 positiven Tests sind also 6 richtig - aber 4 falsch positiv!

 

keine Rückmeldung...

kurzer Zwischenstand: wie im letzten Blogbeitrag erwähnt, haben wir (Tiroler Gesellschaft für Allgemeinmedizin) am Samstag einen Vorschlag an das Land Tirol übersendet, wie wir niedergelassenen Ärzte sinnvoll und koordiniert in die Testungen auf COVID-19 eingebunden werden könnten. Leider gibt es bis heute Donnerstag keinerlei Rückmeldung durch das Land Tirol ...

Im Gegenzug will das Land gemeinsam mit dem Roten Kreuz eine neue Testaktion für Pflegeheime starten, ohne uns betreuende Ärzte davon überhaupt zu informieren.

Osterferien

Ab dieser Woche haben unsere Kinder nun offiziell Osterferien. Ursprünglich war die Schließung unserer Schulen ja nur bis nach Ostern geplant, erwartungsgemäß wurde diese Maßnahme aber bis auf weiteres verlängert. Ich wiederhole mich, wenn ich prognostiziere, dass die Schulen vor Sommer nicht mehr öffnen werden. Lediglich Abschlüsse (Pflichtschule, Matura) werden - hoffentlich - noch in irgendeiner Form kommen. 

Osterbesuche von Verwandten sind sinnvollerweise nicht erlaubt, die vor dem Wochenende präsentierte "5-Personen-Regelung" wurde in der heutigen Pressekonferenz widerrufen.

Die rückläufigen Zahlen der Neuinfektionen sind extrem erfreulich und machen wirklich Hoffnung! Wenn es diese Woche noch so weitergeht, könnten nach Ostern wirklich die nächsten Geschäfte (mit Mund-Nasenschutz) öffnen!

Und nachdem wir nun erfreulicherweise keine überfüllten Intensivstationen und Leichenhäuser haben - ganz im Gegensatz zu Italien, Frankreich und Spanien - beginnen nun die ersten Stimmen laut zu werden, dass die ganzen Aktionen ja völlig überzogen seien, und dass das Ganze ja ohnehin halb so schlimm sei! Tut mir einen Gefallen: Seid bitte still! Das Ganze ist nur deshalb jetzt halb so schlimm, weil rigorose Maßnahmen getroffen wurden.

Einen kleinen Kampf führen wir noch an anderer Stelle: am Samstag haben wir (die Tiroler Gesellschaft für Allgemeinmedizin) gemeinsam mit einem Mikrobiologischen Labor, welches noch einiges an freien Testkapazitäten für COVID-19 hat, ein Schreiben an das Land Tirol und die Landessanitätsdirektion mit dem Angebot für eine sinnvolle und koordinierte Zusammenarbeit von niedergelassenen Ärzten bei der Entnahme von Abstrichen geschickt. Im Moment dürfen Abstriche (offiziell) ja nur über die 1450 in den Abstrich-Straßen (Rossau) entnommen werden. Wir niedergelassenen Ärzte dürf(t)en laut Landessanitätsdirektion keine Abstriche in Eigenregie einschicken - was völlig widersinnig ist. Auch mehren sich mittlerweile ob der Qualität der Abstrichentnahme durch das geöffnete Autofenster berechtigte Zweifel.

Ach ja, und heute kam noch eine Mail der Ärztekammer für Tirol, dass die nunmehr vom Land an uns Ärzte verteilten FFP2 Masken aus China bestenfalls der Schutzklasse FFP1 entsprechen - also gerade mal so zum Einkaufen reichen. 

Fazit: keine Änderung. Meines Erachtens eine sehr gute Performance von unserer schwarz-grünen Bundesregierung und leider eine Tiroler Landesregierung, die sich in irgendeinem Loch verkrochen hat...

Zwischenstand

Die Maßnahmen unserer Regierung beginnen mittlerweile zu greifen. Gestern gab es laut Gesundheitsministerium nur noch einen Anstieg von 10.816 auf 11.127 nachgewiesene Infektionen, somit nur noch etwa 3%.

Mittlerweile haben sich nicht nur unser Bundeskanzler, sondern auch die AGES als höchste österreichische Gesundheitsbehörde, das deutsche Robert Koch Institut (RKI) und die WHO meiner Meinung angeschlossen: Laut Interview mit Franz Allerberger (AGES) geht man nun in Österreich von einer Gesamtsterblichkeit von 0,15% aller Corona-Infizierten aus (siehe mein Blogbeitrag vom 19.3.), das RKI und die WHO schwenken nun um und sehen das Tragen von Schutzmasken nun positiv (siehe mein gestriger Blogbeitrag). Kurzum: Hausverstand funktioniert auch bei COVID-19.

Lediglich bis zur Tiroler Landesregierung dürfte sich das immer noch nicht durchgesprochen haben. Wir niedergelassenen Ärzte dürfen immer noch keine Abstriche auf COVID-19 abnehmen und einschicken. Wenn wir einen Verdachtsfall haben, so müssen wir diesen nach Hause schicken. Wir schreiben eine Mail an eine uns zur Verfügung gestellte email-Adresse, der Patient bekommt eine SMS auf sein Handy, muss sich mit dieser in sein Auto setzten und zum Baggersee fahren. Dort wird durch das geöffnete Autofenster mit einem Wattestäbchen im Mund ein Abstrich genommen. Ist doch viel einfacher, als wenn wir gleich in der Praxis den Abstrich entnommen hätten .... oder?

Doch nun zur wichtigsten Frage: Wie soll das Ganze weitergehen??? Die Geschäfte werden wohl nach Ostern mit Mundschutz langsam wieder öffnen, die Quarantäne der Tiroler Gemeinden wird vermutlich in spätestens 2 bis 4 Wochen aufgehoben werden, die Matura wird verspätet mit Mundschutz ablaufen. Die Schulen denke ich werden eher noch geschlossen bleiben - ich bezweifle, dass Mundschutzmasken bei 6 bis 14 Jährigen funktionieren. Es kann aber weiterhin keine gemeinsame Betreuung von Kleinkindern geben, Restaurants und Bars werden geschlossen bleiben müssen. Der Tourismus liegt - und bleibt bis auf Weiteres - am Boden. Das Restaurant VaPiano hat es mit der Pleite vorgemacht - und viele andere werden folgen. Zugegeben - VaPiano stand bereits vor der Krise vor der Insolvenz. Und: wie lange können wir unseren BewohnerInnen in den Pflegeheimen noch jeglichen Besuch ihrer Verwandten verbieten? Andererseits bekommen die Schweden - unser Gegenmodell, also mit dem Versuch der Herdenimmunität - langsam kalte Füße. Bei erst 4947 nachgewiesenen Infektionen (halb so viele als bei uns) bereits doppelt so viele COVID-Tote wie bei uns. Und die Kurve steigt jeden Tag steiler an...

Alles Fragen, Zu denen ich im Moment keine Antwort habe. Und das macht mich ziemlich nachdenklich. 

Schutzmasken

Nachdem sich die "Experten" im Moment gegenseitig widersprechen, ob nun ein generelles Tragen von Schutzmasken mehr Nutzen oder mehr Schaden mit sich bringt, hier wieder meine Privatmeinung zu dem Thema: 

Es muss ein für alle mal klar gestellt werden, dass der Zweck der Schutzmaske in der Öffentlichkeit ein Schutz für die Mitmenschen, nicht für den Träger ist!

Vereinfacht gesagt fängt eine Schutzmaske - auch die einfachste - die Tröpfchen, die wir beim Atmen, beim Reden und beim Husten in die Luft abgeben, ab. Dafür brauche ich keine FFP2 oder FFP3  Masken, da es ja gar nicht um das Virus selbst geht!

Zur vielfach getätigten Aussage, es reiche, wenn symptomatische Patienten eine Schutzmaske aufsetzen würden: es scheint mittlerweile doch gesichert, dass 40% bis 60% aller COVID-Infizierten (fast) KEINE Symptome entwickeln, aber trotzdem fleißig - ohne es zu ahnen - ihre Umwelt anstecken. Fazit: Schutzmasken bei gesunden Menschen sind sinnvoll und zweckmäßig!

Weiters wird immer wieder kritisiert, dass die Verwendung von Schutzmasken bei ungeübten Personen mehr Schaden wie Nutzen bringt, da beim Anlegen und vor allem beim Abnehmen Fehler passieren würden und Keime von der Schutzmaske auf deren Besitzer übertragen werden. Das stimmt - aber nur, wenn die Schutzmaske als Eigenschutz gesehen wird. In unserem Fall ist aber die Idee der Schutzmaske, meine Mitmenschen zu schützen. Wenn ich danach meine eigene Maske mit meinen eigenen Keimen fälschlicherweise in die Hand nehme, passiert - gar nichts.

Mein Hausverstand plädiert somit offiziell FÜR das Tragen von Masken. Vor allem, weil es die Grundvoraussetzung ist, nach Ostern nach und nach die geschlossenen Geschäfte wieder zu öffnen und die stillgelegte Wirtschaft langsam wieder in die Gänge kommen zu lassen. 

Nachdem wir gestern nunmehr eine weitere Lieferung Schutzmasken (FFP2 für Ärzte und Patientenmasken) bekommen haben, haben auch wir nun - die eigenen Einkäufe und die Spenden unserer Patienten eingeschlossen - ausreichend Schutzmaterial, um für die nächsten Wochen gerüstet zu sein.

 

Paradigmenwechsel ?

Gestern war in der "Presse" ein Artikel zu lesen, in dem eine neue Strategie gegen COVID-19 angesprochen wurde.

Wenn wir es schaffen, die Neuerkrankungen zunehmend einzudämmen, würden bis zum Erreichen einer Herdenimmunität in Österreich Jahre vergehen - und trotzdem tausende Menschen sterben. Ein alternatives Vorgehen - ohne Herdenimmunität - kann nur dann funktionieren, wenn in absehbarer Zeit (Monate) wirkungsvolle Medikamente gegen COVID-19 erhältlich sind. Die aktuellen Hoffnungsträger sind (nun doch wieder) das Malariamedikament Chloroquin - wobei Europa den amerikanischen Präsidenten Trump vor zwei Wochen auslachte, als Amerika begann, Chloroquin aufzukaufen. Das Medikament APN1 des österreichischen Forschers Josef Penninger und Redemsivir, welches eigentlich gegen Ebola entwickelt wurde.

Natürlich ist der Ansatz verlockend: 3 bis 4 Monaten Vorsicht, dann ein wirksames Medikament. Allerdings müssten wir dann unsere Bemühungen noch deutlich verstärken. Wir haben im Moment zwar einen sensationell niedrigen Anstieg von etwa 5% nachgewiesenen Neuinfektionen pro Tag. Allerdings bedeutet ein 5%iger Anstieg täglich immer noch, dass wir bei Start mit 10.000 Erkrankten heute, 1. April 2020, am 19. Mai 2020 bereits die 100.000er Grenze überschritten hätten. Mit einer vermutlich mindestes 20 mal so hohen Dunkelziffer.

Seit gestern gibt es in Tirol einen kleinen Silberstreif am Horizont: die Zahl der Infektionen war erstmals rückläufig, d.h. es gab mehr offiziell wieder "geheilte" Menschen wie Neuerkrankungen an einem Tag. Trotzdem wage ich meinerseits im Augenblick keinerlei Prognose, wie sich die Situation weiter entwickeln wird. Vielleicht heißt es eines Tages "ganz Österreich wurde mit COVID-19 infiziert. Ganz Österreich? Nein, ein kleines Dorf in den Tiroler Alpen westlich von Innsbruck hörte nicht auf, dem Virus Widerstand zu leisten ..."  

 

Maskenpflicht und andere Neuigkeiten

Ab Morgen haben wir also in unseren Supermärkten generelle Schutzmaskenpflicht. Ich finde diese Maßnahme sehr vernünftig, um die Verteilung von COVID 19 weiter einzudämmen. Eine einfache Maske schützt zwar ihren Träger kaum, hilft aber den Mitmenschen.

Stand an Infektionen heute morgen: 9618. Wir werden heute die 10.000er Marke erreichen. Der tägliche Anstieg an nachgewiesenen Neuinfektionen ist nun im einstelligen Bereich - allerdings kommen täglich neue schwerst erkrankte Menschen und Tote dazu. Wir haben über 100 Verstorbene, somit etwas über 1% Sterblichkeit unter den nachgewiesenen Infektionen. Immer noch die große Unbekannte: die Dunkelziffer! In den verschiedenen Zeitungen wurde gestern über eine Dunkelziffer vom 5 bis zum über 20 fachen geschrieben. Ich würde anhand der bisher Verstorbenen vom knapp 10-fachen ausgehen, somit von etwas unter 100.000 Infektionen insgesamt in Österreich.

Von der sogenannten Herdenimmunität - für die wir mindestens 4 bis 5 Millionen Menschen mit abgelaufenen Infektionen brauchen - sind wir damit noch meilenweit entfernt. Es werden mindestens 30 bis 60 mal so viele Menschen an COVID-19 erkranken müssen, damit die Epidemie endet. Es werden mindestens 30 bis 60 mal so viele Menschen schwer erkranken - und unser Gesundheitssystem in den nächsten Wochen an den Rand des Zusammenbruchs bringen. Es werden mindestens 30 mal so viele Menschen wie bisher an COVID-19 sterben, somit zumindest die von mir prognostizierten 3.000 (Siehe Sterblichkeit).

Ausgehend von (mindestens) 10.000 Erkrankten, die beatmet werden müssen und von im Moment gut 1000 freien Beatmungsplätzen in Österreichs Krankenhäusern (der Rest ist ja von Menschen mit anderen Erkrankungen belegt!) müssen sich die Patienten zeitlich gut verteilen. Bei angenommenen 10 Tagen Beatmungstagen im Durchschnitt pro Patient wären das 10.000 Patienten x 10 Beatmungstage / 1000 Beatmungsgeräte = ein Zeitraum von 100 Tagen. Wir müssen den zeitlichen Verlauf der Erkrankungen mit allen uns zur Verfügung stehenden Maßnahmen auf die zumindest nächsten drei Monate - April bis Juni - hinauszögern! Sonst wird es hässlich, so wie im Moment in einem Krankenhaus in Frankreich: ab 80 Jahren prinzipiell keine Beatmung mehr, nur noch Morphium.

Somit wiederhole ich meine Bitte: Seid vernünftig! Bleibt zu Hause und verwendet beim Einkaufen Masken. Und stellt Euch darauf ein, dass das Leben bis in den Sommer hinein nicht so wird, wie wir es gewohnt sind. Langsam glaube ich nicht mehr, dass unsere Kinder vor Sommer noch zur Schule gehen, und auch meinen Anfang Juli gebuchten Sommerurlaub habe ich schon ein bisschen abgeschrieben...

update

Im Moment läuft es bei uns in Österreich recht gut. Die neuesten Statistiken zeigen einen ständigen Rückgang beim prozentualen Anstieg der Neuinfektionen. Waren es vor 2 Wochen noch 33% Neuinfektionen pro Tag, so hat sich das in den letzten Tagen auf 18%, vorgestern 14% und gestern 10% verringert. Das Ziel der Regierung - ein einstelliger prozentueller Zuwachst bis Ostern - scheint in greifbarer Nähe.

In absoluten Zahlen bedeutet das aber trotzdem, dass es täglich über 800 (bald über 1000) nachgewiesene Neuinfektionen gibt. Wir stehen heute morgen laut Homepage des Gesundheitsministeriums bei knapp 8300 positiv getesteten Personen. Der Gipfel der Epidemie wird laut Gesundheitsministerium in etwa 4 (+/-2) Wochen erreicht sein, meiner Schätzung nach bei etwa 30.000 bis 50.000 positiven Tests. Die große Unbekannte ist natürlich die Dunkelziffer der Infizierten! 

Laut Homepage Sozialministerium liegen im Moment 174 COVID-Patienten auf Österreichs Intensivstationen, 73 Menschen sind bisher offiziell an COVID-19 verstorben. Die Sterblichkeit unter allen positiv Getesteten liegt somit bei 0,88%. Besser als wir ist nur noch Deutschland. Die Sterblichkeit in Italien und Spanien ist gut 10 mal so hoch!

Zusammenfassend bedeutet das: im Moment sind unsere medizinischen Ressourcen mehr wie ausreichend, unsere Sterblichkeitsraten sind extrem gering, aber in den nächsten Wochen werden auch wir im Gesundheitssystem an die Grenzen unserer Möglichkeiten stoßen!

Wenn wir aber so weitermachen und vernünftig bleiben (Ausnahmen bestätigen leider die Regel), besteht wirklich die Möglichkeit, dass wir in Österreich mit einem "blauen Auge" davonkommen. Die Einschränkungen in unserem täglichen Leben - und auch für unsere Wirtschaft - werden uns die nächsten Wochen aber noch weiter begleiten. Jedenfalls ist es in Zeiten wie diesen definitiv am Gesündesten, in Deutschland oder Österreich leben zu dürfen!

Es geht weiter...

Stand in Österreich, 26.03.2020, 15:00 Uhr
Bisher durchgeführte Testungen: 35.995 

Bestätigte Fälle: 6.398
Todesfälle: 49

(Quelle: Sozialministerium)

Die Zahl der positiv Getesteten wird heute die 7000er Marke sprengen. Unsere Krankenhäuser sind nach Auskunft von befreundeten Ärzten weitgehend vorbereitet - bis auf gelegentliche Probleme mit den Schutzmasken. Zams hat seine maximale Kapazität mittlerweile erwartungsgemäß erreicht, aufgrund der bemerkenswerten Mitarbeit der lokalen niedergelassenen Ärzte funktioniert die medizinische Versorgung in dieser Region aber noch recht gut. ( https://tirol.orf.at/stories/3041028 )

Unser Bundeskanzler hat vermutlich meinen letzten Blogeintrag gelesen und gestern verkündet, dass wir auch nach Ostern nicht mit unserer gewohnten Normalität rechnen können ;-) .

Scherz beiseite. Wir hatten gestern eine kleine Schrecksekunde in der Praxis: meine Turnusärztin fühlte sich krank und klagte über Druck in der Brust beim Atmen. Typische Symptome für COVID-19. Wir brauchten einen Test. Wenn sie positiv wäre, müssten wir die Praxis zusperren - Quarantäne! Bei einer Testung über den regulären Weg (1450) über die Virologie Innsbruck wartet man im Moment einige Tage, da die Virologie in Innsbruck weit über 1000 Tests im Rückstand ist. Wir haben aber Wochenenddienst. Wenn ich zusperre, gibt es am Wochenende keine medizinische Versorgung, wenn ich die Praxis öffne, und die halbe Mannschaft wäre positiv ... dann sind wir der größte Infektionsherd im Ort!

Anruf bei einem privaten mikrobiologischen Labor, welches im Auftrag des Landes PCR-Tests auf COVID-19 macht. Antwort: Tests bei medizinischem Personal am selben Tag sind laut Land Tirol möglich. Aber nur, wenn von der zuständigen Bezirkshauptmannschaft in Auftrag gegeben. Somit Anruf bei der BH Innsbruck. Kein Arzt erreichbar. Anruf bei einer befreundeten Ärztin, die im Moment in der BH Innsbruck aushilft. Ich erhalte die Auskunft, dass nicht die für meine Ordination zuständige BH den Test in Auftrag geben darf, sondern das aufgrund des Wohnortes meiner Turnusärztin zuständige Magistrat der Stadt Innsbruck. Anruf am Magistrat: "derzeit nur Notbesetzung...". Nach insgesamt einer Stunde am Telefon hatte ich schlussendlich grünes Licht für den Test am selben Tag. Am Abend dann der alles entscheidende Anruf aus dem Labor: alles in Ordnung, der Test ist negativ. Unsere Ordination bleibt offen!

Am Vormittag durfte ich dann noch am Bauhof der Stadt Innsbruck meine Bestellung an Schutzbekleidung vom Land Tirol abholen. Bestellt habe ich für uns drei Ärzte 20 FFP3 Masken, 200 FFP 1 Masken für Patienten, 5 Packungen Handschuhe. In der Schachtel waren 2 FFP3 Masken, 50 FFP2 Masken und eine Packung Handschuhe...