rundherum...

Wenn ich mir so die Meinungen auf Facebook durchlese oder auch mit manchen Menschen rede, dann habe ich den Eindruck, diese Menschen glauben, dass COVID ein rein österreichischen Problem ist. Der Landeshauptmann ist schuld, der Bundeskanzler ist schuld, der Gesundheitsminister ist schuld.

Ein kleiner Blick über unsere Grenzen hinaus zeigt ein anderes Bild: auf der Europa-Ampel sind eigentlich nur noch Teile Deutschlands und Österreichs nicht rot oder dunkelrot (wobei Innsbruck/Innsbruck Land leider auch rot ist). Das tschechische Militär baut in Prag ein Feldkrankenhaus, weil die vorhandenen Krankenhausbetten nicht mehr reichen. In Slowenien wird, weil die Zahlen explodieren, mit dem Contact-Tracing aufgehört und nur noch verzweifelt versucht, Krankenhäuser und Altersheime zu schützen.

Sind daran auch der Tiroler Landeshauptmann oder der österreichische Bundeskanzler Schuld? Warum braucht dann Tschechien ein zusätzliches Feldkrankenhaus wie im Krieg, wenn an COVID ohnehin keiner erkrankt und wir mit den PCR Tests eh nur sinnlose positive Fälle produzieren?

Wir stecken in einer Pandemie, in einer für uns bisher unvorstellbaren Situation. Ein Virus, das etwa zwei- bis dreimal so tödlich und zweimal so ansteckend wie Influenza ist - aber nur, solange die medizinische Versorgung funktioniert. Ein Virus, das bis jetzt weltweit gut 1,1 Millionen Menschen getötet hat. Und unsere einzigen Mechanismen sind: alles klein zu reden (das Virus tut eh nichts), politisch Verantwortliche zu suchen (die wollen mehr Macht über uns, die wollen die Wirtschaft kaputt machen) oder politisches Kleingeld zu schlagen. Lediglich nützen wird uns das Ganze nichts. Nicht die österreichische Politik ist Schuld daran, dass gerade die weltweite Wirtschaft in einer enormen Krise steckt, der Tourismus (nicht nur in Österreich!) um sein Überleben kämpft und die Schüler in ganz Europa unter Einschränkungen im Unterricht leiden, sondern dieses verflixte Virus! Wenn wir auch nur einigermaßen heil aus dieser Krise herauskommen wollen, dann brauchen wir Solidarität. Dann müssen wir wieder lernen, Rücksicht aufeinander zu nehmen. Vielleicht auch einmal auf den eigenen Spaß verzichten. Vielleicht einmal mit dem politischen Gegner an einem Strang ziehen. Wir hatten die Situation im Sommer perfekt im Griff - und kaum wurden die Maßnahmen gelockert, haben wir es wieder verbockt.

Wir werden zumindest bis Sommer 2021 kein "normales" Leben, wie wir es gewohnt waren, führen können. 

Was mir dabei am meisten Angst macht, sind die vielen Mitmenschen, die das nicht verstehen wollen. Die der Meinung sind, dass man gegen COVID aufstehen und auf die Straße gehen muss. Die mit ihrem Unverständnis, ihrem Egoismus und ihrer Dummheit erst recht dazu beitragen, dass unsere Gesellschaft weiter destabilisiert und gespalten wird. 

2317


In den letzten 24 Stunden hatten wir 1747 bestätigte Covid-Fälle (2317 wurden bei Erstellung dieses Blogs heute Morgen unter anderem vom Kurier gemeldet, wurden mittlerweile aber korrigiert). Die Sache beginnt (trotzdem) langsam aus dem Ruder zu laufen.

Die Zahl der intensivpflichtigen COVID Patienten hat sich mit einem Anstieg von 55 auf über 120 in den letzten 4 Wochen mehr als verdoppelt.

Die Kapazitäten in Tirol sind überhaupt nicht mehr berauschend (Zahlen AGES, Stand 17.10.)

COVID-Patienten auf Normalstation: 55. Verfügbare weitere Betten für COVID-Fälle: 30. (Ruft mal im KH Hall an, ob ein Platz für einen COVID-Patienten aus dem Pflegeheim frei ist ... aber nur, wenn ihr gute Nerven habt.)

COVID-Patienten auf Intensivstation: 8. Verfügbare weitere Intensivplätze für COVID-Patienten: 10.

Das heißt, wenn es in Tirol die nächsten 4 Wochen gleich weitergeht wie in den letzten 4 Wochen sind wir am Limit. Dann droht uns ein Versorgungsengpass, der einerseits mehr Tote unter den COVID-Patienten, andererseits aber auch massive Kollateralschäden bei allen anderen medizinisch dringlichen Fällen mit sich bringen wird. Fehlende Kapazitäten bei Herzinfarkten oder nach Unfällen, tödliche Verzögerungen bei lebenswichtigen Therapien und Operationen.

Meine private Prognose: ab den Herbstferien (24.10) kommt es zu einem zunehmend Lockdown-ähnlichen Zustand (egal wie es genannt wird). Die Herbstferien werden "verlängert", d.h. die Schulen werden nach den Herbstferien zumindest nicht in der bestehenden Form einfach wieder geöffnet werden. Und nein, die Schüler können gar nichts dafür. Sie sind nur Opfer. Aber nicht von der Politik, sondern von all denen, die COVID nicht ernst nehmen und sämtliche Sicherheitsempfehlungen ignorieren - auch bekannt als COVIDIOTEN!

ROT

Jetzt ist seit gestern unser Bezirk Innsbruck Land tatsächlich ROT. Obwohl das ja ehrlich gesagt - mit Ausnahme für Schüler der Oberstufe - nicht viel ändert.

Und wenn ich so mit meinen Kollegen, Patienten und Bekannten rede, gehen die Meinungen, wie schlimm das nun alles sei, ziemlich auseinander.

Ich tu mir im Moment selber echt schwer, die Situation einzuschätzen.

Einerseits sind wir mittlerweile bei über 1500 "Neuinfektionen" (zumindest positiven Tests) täglich angelangt, andererseits haben wir "nur" etwas über 110 COVID-Patienten in ganz Österreich auf einer Intensivstation - und noch etwa 600 verfügbare Intensivplätze.

Im Frühjahr hatten wir bei wesentlich weniger positiv getesteten Personen wesentlich mehr intensivpflichtige Covid-Patienten. Was ist passiert? Ist COVID-19 harmloser geworden?

Ich denke nicht. Ich vermute (wissen tut es ohnehin niemand), dass es daran liegt, dass wir in erster Linie mehr testen. Wir hatten im Frühjahr eine doch ganz passable Dunkelziffer, d.h. vermutlich sind irgendwo zwischen 3 und 6 x so viele Menschen mit COVID infiziert gewesen als tatsächlich positiv getestet worden sind. Nachdem die Anzahl der durchgeführten Tests mittlerweile recht deutlich angestiegen ist, wird sich die Dunkelziffer vermutlich verkleinert haben. Wir hatten vermutlich im Frühjahr in Wirklichkeit mehr COVID-Fälle als jetzt. Wenn man dann auch noch bedenkt, dass sich die Altersstruktur der betroffenen Patienten geändert hat (mehr junge, gesunde Menschen) und wir auch noch bei der Behandlung von COVID ein wenig dazugelernt haben (Cortison!), dann reicht mir das als Erklärung für die verhältnismäßig wenigen Patienten im Krankenhaus.

Wenn die Zahlen aber in diesem - zugegebenermaßen eher gemütlichen - Tempo weiter ansteigen, kommen wir trotzdem über kurz oder lang an die Grenzen unserer medizinischen Kapazitäten. Und falls wir die erreichen, dann geht es mit den Zahlen der COVID-Toten ziemlich schlagartig nach oben.

Natürlich - sind alles nur Vermutungen. Aber ganz ehrlich: ich möchte es nicht ausprobieren!

Wohnheim und mehr...

Leider hatte vor gut einer Woche ein Bewohner des Alterswohnheims in Unterperfuss Besuch von einem - wie sich herausgestellt hat - COVID positiven Angehörigen. 

Ein erster Schnelltest (die Dinger funktionieren erstaunlich gut!) hat bestätigt, dass auch der Bewohner positiv ist. Durch das unglaublich große Engagement der Pflegedienstleitung konnten in kürzester Zeit sämtliche Bewohner und alle Mitarbeiter getestet werden. Über 120 Abstriche wurden durch das hauseigene Pflegepersonal gemacht und die Proben mit dem Privat-PKW zur Screening-Straße gebracht - somit waren wir nicht auf die (nicht verfügbaren) Ressourcen der 1450 angewiesen. 

Ergebnis: 3 Bewohner und 2 Mitarbeiter positiv. Es wurden sofort die nötigen Quarantänemaßnahmen ergriffen - und nun hoffen wir, eine weitere Ausbreitung verhindern zu können.

Angeblich waren wir das erste Wohnheim in Tirol, welches die Tests in Eigenregie durchgezogen hat. Vielleicht ja auch ein gutes Modell für die Zukunft - die Ressourcen der 1450 werden für die Tiroler Wohnheime mit allergrößter Wahrscheinlichkeit nicht reichen. 

Wann haben wir wieder unsere alte "Normalität"?

Im medizinischen Journal "the Lancet" gibt es jetzt einen sehr spannenden Artikel: "What can we expect from first-generation COVID-19 vaccines?" 

Was können wir also wirklich von der ersten verfügbaren Generation von COVID-19 Impfstoffen erwarten? Wie es aussieht, gelingt es dem Großteil der Impfstoffe ganz gut, durch die Bildung von Antikörpern die tiefen Atemwege zu schützen. Es ist somit zu erwarten, dass die Erkrankung milder verläuft. Allerdings hat die Sache leider einen gewaltigen Haken: es werden kaum Antikörper in den oberen Atemwegen gebildet. Somit wird - im Gegensatz zu anderen Impfungen - diese Impfung kaum davor schützen, COVID-19 zu übertragen! 

Mit der Rückkehr unserer "alten Normalität", wie wir sie vor COVID-19 gewohnt waren, ist also bis Sommer 2021 mit größter Wahrscheinlichkeit leider nicht zu rechnen. Leider.

Warten...

Wie einige aus eigener Erfahrung - oder auch aus der Tiroler Tageszeitung - wissen, heißt es in den Screening-Straßen im Moment warten, warten, warten, ...

Nachdem auch wir nun leider einen positiven Fall im Wohnheim Unterperfuss haben, haben wir selbst erlebt, wie überlastet und überfordert die zuständige Bezirkshauptmannschaft Innsbruck Land mit dem Contact-Tracing und der Organisation der Tests ist. Ohne entsprechende Eigeninitiative im Wohnheim hätte hier kaum etwas funktioniert.

Allerdings gibt es hier zwei kleine Lichtblicke:

Wir haben - unter anderem im Zuge des positiven Bewohners in unserem Wohnheim - unsere neuen COVID-Antigen Schnelltests der Firma Abbott getestet: es wurde sowohl der positive Fall wie auch alle negativen Kontaktpersonen zu 100% richtig erkannt (alle Schnelltests wurden mit PCR nachkontrolliert).

Weiters wurde heute in einer Aussendung der Ärztekammer folgendes angekündigt: "laut Informationen aus dem Bundesministerium für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz steht eine Bekanntmachung der Verordnung betreffend nähere Bestimmungen über die Durchführung von COVID-19-Tests im niedergelassenen Bereich kurz bevor". Wenn das endlich durch ist, können wir niedergelassenen Ärzte (zumindest die, die wollen) die Screening-Teams unterstützen und entlasten. 

ab sofort: Schnelltests!

Gestern sind die ersten beiden Packungen mit insgesamt 50 COVID-Schnelltests der Fa. Abbott eingetroffen - und stehen ab sofort für unsere Patienten zur Verfügung! (Kosten 10 Euro pro Test, keine Kassenleistung)

Was kann der Schnelltest?

Der Schnelltest funktioniert umso besser, je mehr Virus vorhanden ist, d.h. umso "kränker" jemand ist. Der Hersteller (Fa. Abbott) behauptet, dass der Test bei Personen mit einer hohen "Viruslast" (CT-Wert <=33) in über 98% ein richtiges Resultat ergibt. In einem Telefonat mit der Virologie in Wien (Doz. Redlberger-Fritz) wird dort von einer Trefferquote von 80% bei an COVID-erkrankten Personen ausgegangen. 

Was der Schnelltest nicht kann:

Der Schnelltest ist zwar in Österreich nach dem Medizinproduktegesetz zugelassen, die "Validierung" durch die Behörde (AGES) läuft aber noch. Das heißt, der Schnelltest ist KEIN offizieller Ersatz für die PCR. Somit können KEINE Atteste (z.B. für Auslandsreisen, Behörden, Arbeitgeber, ...) anhand des Schnelltests ausgestellt werden! Da die Genauigkeit (Sensitivität) des Schnelltests bei einer nur geringen Viruslast, d.h. beim asymptomatischen Patienten sinkt, ist der Schnelltest als "Screening" bei gesunden Personen nur sehr eingeschränkt zu empfehlen.

Wir werden in nächster Zeit bei Personen, bei denen wir den Schnelltest benutzen, gleichzeitig eine Probe an die Virologie Wien weiterleiten, wo zusätzlich eine (kostenlose) PCR gemacht wird. Auf diese Weise können wir uns von der Genauigkeit des Tests noch einmal ein Bild machen. 

Stabilität?

Wir hatten in den letzten 24 Stunden den zweithöchsten Wert an Neuinfektionen, den wir im Laufe dieser Pandemie je hatten. Allerdings ist der Wert in den letzten Tagen ziemlich stabil, die Lage scheint weitgehend unter Kontrolle. Einen deutlichen Anstieg gab es erwartungsgemäß bei den Krankenhausaufnahmen: es sind mittlerweile knapp 500 Menschen in Österreich wegen COVID im Krankenhaus, davon 90 auf Intensivstationen. Tendenz: steigend. 

Bezüglich den COVID Tests in den Arztpraxen, die das Parlament ja vor gut einer Woche beschlossen hat, gibt es auch für uns keinerlei Informationen. Bin schon gespannt, ab wann sich da wirklich etwas tut. Die von uns bestellten COVID-Schnelltests der Fa. Abbott sollten allerdings laut Lieferfirma noch diese Woche bei und eintreffen.

Katzenjammer

Leider werden jetzt die ersten Konsequenzen des - von mir in den letzten Blogs immer wieder kritisierten - Verhaltens der letzten Wochen ersichtlich:

Deutschland hat - so mir nichts dir nichts - eine Reisewarnung über Tirol verhängt. Wenn wir das vor der Wintersaison nicht gemeinsam in den Griff bekommen, wird es eine ganze Menge Arbeitslose in Tirol geben. Im Tourismus und in allen davon abhängigen Branchen wie Bauwirtschaft, Handel, Handwerk und so weiter.

Vielleicht begreift es jetzt auch die "Covid ist ja eh harmlos, alle Einschränkungen sind überzogen" Fraktion auf Facebook, wenn es plötzlich um den eigenen Job geht. Hoffentlich!

Contact-Tracing & Testung

Das Contact-Tracing läuft im Moment leider sehr schleppend:

Wenn bei uns im Kindergarten ein Kind positiv getestet wird, sieht das im Moment so aus:

Donnerstag - Kind erkrankt

Freitag - Kind wird getestet

Sonntag - Testergebnis positiv

Montag Nachmittag - BH beginnt zu reagieren

Dienstag (heute) - die anderen Kinder der Gruppe sollen getestet werden

Ergebnis Donnerstag?

Eine Woche ist bei einem Fall im Kindergarten einfach zu lang. Inzwischen können eventuell andere infektiöse Kinder aus der Gruppe ihre Eltern anstecken, welche inzwischen aber noch (z.B. als Lehrer!) weiterarbeiten müssen. Und nachdem völlig unklar ist, woher die Infektion eigentlich stammt, läuft der/die ursprüngliche Infektionsherd nach wie vor durch die Gegend, ohne überhaupt zu wissen, dass er/sie andere ansteckt.

Allerdings ist eine bessere Lösung in Sicht: morgen Mittwoch soll es laut Medienberichten eine Sitzung im Nationalrat geben, bei der beschlossen werden soll, dass wir Hausärzte in Zukunft auf Krankenkassen-Kosten testen dürfen. Und für alle, die ganz schnell eine Orientierungshilfe brauchen, haben wir für unsere Praxis die ersten 50 Covid-Antigen Schnelltests (Ergebnis in 15 Minuten) bestellt und diese sind voraussichtlich ab kommender Woche verfügbar.