Blog: was ist mRNA - Zellbiologie

Nachdem ich heute Morgen auf facebook ein Posting gelesen habe, in dem ein Kollege von mir von einer „Umprogrammierung“ der Zelle geschrieben hat, möchte ich an dieser Stelle ein wenig über die Vorgänge in unserem Körper – und über den Mechanismus der ersten beiden Impfstoffe schreiben:

Jede Zelle in unserem Körper besteht aus einer Zellhülle (aus Lipiden = kleinsten Fettpartikeln), aus dem Zytoplasma mit den Zellorganellen und der Zellflüssigkeit, und aus dem Zellkern, der ebenfalls mit einer Lipidmembran – ähnlich der Zellmembran – umhüllt ist.

Im Zellkern jeder einzelnen unserer Zellen wird in Form der sogenannten Chromosomen unsere DNA gespeichert. Diese DNA besteht aus lediglich 4 verschiedenen Nukleinbasen, die sich in unterschiedlichster Reihenfolge unglaublich oft wiederholen und auf diese Weise unser gesamtes Erbgut beinhaltet. Zum Schutz hat diese DNA eine „Negativkopie“, mit welcher sie fix verbunden ist. Dieser lange Strang an Informationen wird zuerst vielfach um die eigene Achse gedreht („Helix“) und dann noch mehrfach um Proteine (Histone) gewickelt und liegt so gut geschützt im Zellkern.

Bei Bedarf wird die DNA ein kleines Stück weit „entwickelt“. Der Doppelstrang teilt sich und von einem kleinen Stück der Nukleinsäurekette kann nun eine exakte negativ-Kopie von einem bestimmten DNA-Stück „transkribiert“, also abgeschrieben werden, eine Einzelstrang-RNA entsteht. Danach schließt sich der DNA Doppelstrang wieder, die DNA wird wieder zur Helix eingedreht und über die Histone gewickelt in den Chromosomen im Zellkern verpackt. Diese RNA bekommt ein „Cap“, eine kleine Basensequenz als Start. Die nun entstandene Boten (=“Messenger“)-RNA (mRNA) verbindet sich über ihr Cap mit einem Protein und wird aus dem Zellkern ins Zytoplasma transportiert.

Im Zytoplasma existieren einzelne, ebenfalls mit einer Lipidmembram umhüllte Bereiche, das endoplasmatische Retikulum. Auf dessen Oberfläche sitzen kleine „Fabriken“, die sogenannten Ribosomen, an denen die mRNA über ihr CAP andockt. Die mRNA dient nun als Bauplan für die Produktion von Eiweißpartikeln. Je drei Nukleinsäuren sind der Code für eine Aminosäure. So kodiert zum Beispiel dreimal die Nukleinbase Adenin (AAA) für die Aminosäure Lysin. Über sogenannte Transfer-RNA (tRNA) Moleküle wird nun Aminosäure für Aminosäure am Ribosom gemäß dem Plan der mRNA aneinandergehängt, eine Eiweißkette entsteht im Inneren des endoplasmatischen Retikulums. Nach Beendigung dieser Arbeit wird die schützende Cap-Struktur von der mRNA entfernt und die mRNA wird durch Enzyme abgebaut. Vom Endoplasmatischen Retikulum spalten sich nun kleine kugelförmige Bläschen (Vesikel) ab, in deren Inneren sich nun die neu entstandenen Eiweißketten befinden. Diese Vesikel gelangen zur Zellmembran und verschmelzen mit dieser, die Eiweißpartikel gelangen somit an die Oberfläche (Außenseite) der Zelle

Nun zurück zu unserer mRNA-Impfung: die ersten beiden Impfungen (BioNTech-Pfizer und Moderna) bestehen aus mRNA in einer „Lipidhülle“. Die Lipidhülle braucht es, damit die mRNA durch die ebenfalls aus Lipiden (Fetten) bestehende Zellmembran ins Zytoplasma gelangen kann. Danach wird diese Impf-mRNA – genau gleich wie unsere körpereigene mRNA an den Ribosomen als Bauplan genommen und das gewünschte Eiweißpartikel entsteht. In diesem Fall eben ein sogenanntes Spike-Protein, wie es auch COVID-Viren besitzen.

Es gibt grundsätzlich keinen Mechanismus, über den mRNA wieder zurück in den Zellkern kommen könnte, geschweige denn, wieder (wozu auch?) in unser Genom, in die DNA, eingebaut werden könnte. Da die mRNA nach Benutzung in der Zelle abgebaut wird, ist aus zellbiologischer Sicht auch mit keinen „Langzeitschäden“ zu rechnen.

Blog: Demokratie, Freiheit & Pandemie

„Österreich ist eine demokratische Republik. Ihr Recht geht vom Volk aus.“ So steht es in unserer Bundesverfassung.

Die persönliche Freiheit in Österreich definiert sich weitgehend über den Artikel 5 der Europäischen Menschenrechtskonvention, das „Recht auf Freiheit und Sicherheit“.

Wenn ich nun auf Facebook immer wieder lese, es sei die „persönliche Freiheit“ von einzelnen, im Zuge der COVID-Pandemie zu tun und lassen was er/sie will, und dass niemand zu etwas gezwungen werden darf (Tests, Impfungen), so scheinen mir diese Menschen lediglich ihr Recht auf Freiheit zu sehen, nicht aber das genauso wichtige Recht der Mitmenschen auf Sicherheit.

Es kann nicht das mit der Freiheit begründete Recht eines Einzelnen sein, die Maskenpflicht zu ignorieren oder verpflichtende Tests nach Kontakt mit einer ansteckenden Erkrankung abzulehnen, wenn er damit die Gesundheit und somit die Sicherheit von Mitmenschen gefährdet. In letzter Konsequenz ist – wenn es zum Schutz der Sicherheit und Gesundheit ganzer Bevölkerungsgruppen dient – unter Abwägung aller Interessen (Freiheit gegen Sicherheit) sogar eine Impfpflicht nicht kategorisch auszuschließen. Natürlich ist eine Lösung basierend auf Vernunft und Freiwilligkeit in jedem Fall zu bevorzugen. Im Detail werden sich Verfassungsexperten und nicht Mediziner wie ich mit dieser Thematik befassen müssen. Die Entscheidung liegt letztendlich aber bei der vom Volk demokratisch durch die Wahl für diese Legislaturperiode gewählten Regierung.

Ich möchte aber an dieser Stelle einfach einmal darauf aufmerksam machen, dass es nicht sein kann, dass mittlerweile 5 meiner Patienten an (und nicht mit!) COVID verstorben sind, weil der Verweis auf die Verfassung und die Menschenrechtskonvention dazu missbraucht wird, den eigenen Egoismus unter dem Deckmantel der Freiheit auszuleben, die ebenso wichtige und im gleichen Gesetz verankerte Sicherheit für die Mitmenschen aber unter den Teppich gekehrt wird.

Blog: COVID-19 Impfung – wo stehen wir?

Im Moment sind mindestens 58 Impfstoffe weltweit in Entwicklung. Ich werde in diesem Blog versuchen, einen kleinen Überblick über die im Moment verfügbare Information für die drei fortgeschrittensten und für uns wohl bedeutendsten Impfstoffkandidaten für COVID-19 zu geben (Stand 9.12.2020).

In Zulassung befinden sich im Moment folgende Impfstoffe:

BNT 162b2 (Pfizer/BioNTech)

mRNA-1273 (Moderna)

ChAdOx1 / AZD 1222 (Oxford-AstraZeneca)

Praktisch alle bisher von uns routinemäßig verwendeten Impfstoffe bestehen aus abgeschwächten bzw. abgetöteten Erregern oder aus Teilen des Erregers. Also aus Eiweißpartikeln, auf die unser Immunsystem die entsprechende Immunantwort (=Impfschutz) entwickelt. Da die Entwicklung und Herstellung dieser bisher verwendeten Art von Impfstoffen eine sehr lange Zeit (Jahre) in Anspruch nimmt, welche wir im Zuge dieser COVID-Pandemie nicht haben, wurden nun „neue“ Ansätze der Impfstoffentwicklung verwendet, welche eine erheblich verkürzte Entwicklungszeit ermöglichen. Das „neu“ deshalb unter Anführungszeichen, weil diese Technik zur Therapie von Krebs schon länger „in der Schublade liegt“ bzw. verwendet wird.

Alle drei Impfstoffkandidaten haben eines gemeinsam: es wird nicht wie gewohnt das Antigen (also das komplette Eiweißpartikel), sondern lediglich die entsprechende RNA, also der Bauplan für das gewünschte Eiweiß verabreicht. Unsere körpereigenen Zellen verwenden dann diesen Bauplan, um daraus die entsprechenden Eiweißpartikel zu synthetisieren („Proteinbiosynthese“). Ein Vorgang, der in unseren Zellen permanent abläuft. Im Prinzip genau gleich, wie es auch das Virus selber macht. Und erst auf diese Eiweißpartikel bildet unser Immunsystem dann die entsprechende Antwort, also die gewünschte Immunität. Es kommt zu keinem Einbau dieser mRNA in unser eigenes Genom. Die Impfung ist somit eher mit einer Virusinfektion als mit einer „Gentherapie“ zu vergleichen.

Die Impfstoffe von Pfizer/BioNTech und Moderna sind sogenannte mRNA Impfstoffe. Das bedeutet, dass der Impfstoff nur aus einer mit Nanolipiden umhüllten mRNA besteht, welche in die Zielzellen eindringen kann und dort zu den entsprechenden Eiweißpartikeln „transkribiert“, d.h. „abgeschrieben“ wird.

Etwas anders funktioniert der Impfstoff von Oxford-AstraZeneca. Hier handelt es sich um einen sogenannten „viralen Vektorimpfstoff“. Das bedeutet, dass die entsprechende RNA, der Bauplan für unser benötigtes Eiweiß in ein komplettes Virus „eingebaut“ ist. Im konkreten Fall ein modifiziertes Schimpansen-Adenovirus, also einem für uns ungefährlichen Virus. Dieses Virus „infiziert“ die Zielzellen in unserem Körper, die mRNA wird – wie auch bei den reinen RNA-Impfstoffen – transkribiert, d.h. „abgeschrieben“ und die für die Immunreaktion gewünschten Eiweißpartikel werden synthetisiert.

Aber nun zu den für die einzelnen Kandidaten verfügbaren Daten:

 

BNT 162b2 (Pfizer/BioNTech):

mRNA-Impfstoff. es werden sowohl Antikörper wie auch T-Zellen produziert, d.h. es gibt eine humorale (Antikörper-basierte) und eine zelluläre Immunantwort.

Phase II/III Studie NCT04368728, Start 29.4.2020, 43998 Teilnehmer.

Abschlussanalyse nach 170 bestätigten COVID-19-Fällen: 162 in der Placebo-Gruppe, 8 unter den geimpften. 10 schwere Verläufe, davon 9 in der Placebo-Gruppe.

Impfschutz 95% (p<0,0001) 28 Tage nach der ersten Impfung, bei Erwachsenen über 65 Jahren 94%.

Nebenwirkungen: bisher laut Data-Monitoring-Committee keine schwerwiegenden, die meisten Nebenwirkungen waren nur vorübergehend. Die häufigsten Nebenwirkungen nach der ersten und zweiten Impfung waren Erschöpfung mit 3,8% und Kopfschmerzen mit 2%. Es traten weniger Nebenwirkungen bei älteren Studienteilnehmern auf.

Lagerung bei -70°C. Kosten ca. 16 Euro pro Dosis, von der EU sind 200 Millionen Dosen bestellt, mit der Option auf zusätzliche 100 Millionen Dosen. 

(Datenquelle: Gelbe Liste, BMJ 2020/371)

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mRNA-1273 (Moderna):

mRNA-Impfstoff

Phase III Studie mit über 30.000 US-amerikanischen Teilnehmern, 7000 davon über 65 Jahre alt, 5000 unter 65-jährige Hochrisikopatienten mit chronischen Erkrankungen.

Analyse nach 95 COVID-19-Fällen: 90 in der Placebo-Gruppe, 5 unter den geimpften. 11 schwere COVID-19-Verläufe, alle in der Placebo-Gruppe

Impfschutz 94,5%

Bisher wurden keine endgültigen Daten publiziert.

Lagerung laut Hersteller in einem normalen Gefrierschrank bis zu 6 Monaten.

(Datenquelle: BMJ 2020; 371)

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ChAdOx1 / AZD 1222 (Oxford-AstraZeneca)

viraler Vektorimpfstoff

Phase III Studie Start 28.8.2020, geplant 40.000 Teilnehmer, laufend.

  • Wirksamkeit

Zwischenanalyse nach ca. 4 Monaten Phase III, untersucht an 11636 Teilnehmern, davon der Großteil (10218) zwischen 18 und 55 Jahren. 60,5% weibliche Teilnehmer. Ergebnisse ab 14 Tage nach der 2. Impfung.

10 Krankenhauseinweisungen aufgrund von COVID-19 in der Placebo-Gruppe, keine in der Impf-Gruppe. Unter 5807 geimpften erkrankten 30 an COVID-19, in der Placebogruppe mit 5829 Teilnehmern 101.

Impfschutz 70,4%

Allerdings wurden zwei verschiedene Impfschemata getestet: in einer Gruppe bekamen alle Teilnehmer sowohl bei der ersten wie auch bei der zweiten Impfung die volle Dosis – der Impfschutz betrug allerdings nur 62,1%. In der Gruppe, welche bei der ersten Impfung nur eine verminderte Dosis erhielt, und nur die zweite Impfung mit der vollen Dosis, zeigte sich erstaunlicherweise ein Impfschutz von 90,0%.

  • Nebenwirkungen

Nebenwirkungen wurden anhand von 12174 mit dem Impfstoff geimpften vs. 11879 Teilnehmern in der Placebogruppe erhoben. Es gab 175 schwere unerwünschte Nebenwirkungen, 84 in der Gruppe der geimpften, 91 in der Placebo-Gruppe.

 

(Datenquelle: the Lancet; Dez 2020)

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Soweit inzwischen die Datenlage. Mit alle drei Impfstoffen zusammen wurden also mittlerweile über 50.000 Studienteilnehmer in den letzten 7 Monaten gegen COVID-19 geimpft. Ohne einen dokumentierten Toten, mit einigen hundert mittleren bis schweren unerwünschten Nebenwirkungen. Mit meines Wissens einer lebensbedrohlichen Nebenwirkung („Transverse Myelitis“, ChAdOx1 / AZD 1222 (Oxford-AstraZeneca)).

Zum Vergleich: wenn sich von 50.000 Menschen die Hälfte, also 25.000, mit COVID infizieren würden, müssen wir von über 1000 Menschen auf einer Intensivstation und etwa 100 Toten ausgehen.

Mein persönlicher Favorit ist im Moment eindeutig BNT 162b2 (Pfizer/BioNTech) – aber wir werden ja sehen, welcher uns tatsächlich zur Verfügung stehen wird. Mit etwas Skepsis sehe ich im Moment noch den Impfstoff ChAdOx1 / AZD 1222 (Oxford-AstraZeneca). Einerseits verwendet dieser – zusätzlich zur ohnehin noch stark diskutierten mRNA Technik einen Virusvektor als Vehikel. Andererseits liefert dieser bei den zwei verwendeten Impfschemata (siehe oben) nicht ganz erklärbare Unterschiede in der Wirksamkeit.

Mit einer zeitnahen Zulassung ist meines Erachtens am ehesten beim BNT 162b2 (Pfizer/BioNTech) zu rechnen. Einziger Haken bei dieser Variante: die Logistik, da der Impfstoff eine Temperatur von -70°C bei der Lagerung verlangt. Aber auch hier ist der Hersteller dabei, eine Lösung zu finden.  

Blog: Zwischenstand Massentests Tirol

Wir hatten in Tirol bis gestern etwas unter 150.000 Teilnehmer bei den Massentests. Mit heute könnten wir mit etwas Glück Richtung 250.000 kommen, was allerdings auch gerade einmal 30% der Bevölkerung entspricht. 30%, die ohnehin generell achtsam und rücksichtsvoll im Umgang mit COVID sind.

Was haben wir bisher gelernt? In ganz Tirol waren lediglich 0,3% der Antigen-Schnelltests positiv. Entweder wir haben - was ich mir in dem Teil der Bevölkerung, der sich auch testen ließ, vorstellen kann - eine wirklich sehr kleine Dunkelziffer, oder der Test hat eine sehr schlechte Sensitivität. Aber auch wenn der Test nicht einen von 5, sondern jeden zweiten übersehen würde, wären wir immer noch weit unter 1% Dunkelziffer.

Das Positive: Kritiker der Massentests haben für ihre Modellrechnungen eine Spezifität von 98% angenommen. Das heißt, sie sind davon ausgegangen, dass 2 von 100 Tests falsch positiv sind. Woher die 98% kommen ist mir nicht klar, der Hersteller gibt 99,68% Spezifität an. Bei den ersten 150.000 Tests in Tirol waren nun 0,3% positiv. Und davon wurden über 0,2% bei der PCR Kontrolle als richtig positiv bestätigt. Das heißt, dass unter 0,1% der durchgeführten Tests falsch positiv waren. Dieses Ergebnis einer Spezifität von über 99,9% übertrifft die Angaben des Herstellers (Roche) und widerspricht den Annahmen mancher Experten und Kritiker, wie zum Beispiel der auf facebook recht aktiven Public health Gruppe der Uni Graz um Martin Sprenger – welche durch ihre Aussagen und Annahmen meines Erachtens die Mitverantwortung an der geringen Testbeteiligung tragen.

Blog: Lockdown-Ende und Massentests

Die Entscheidung der Regierung, den harten Lockdown mit Montag weitgehend aufzuheben, hat mich doch einigermaßen überrascht. Wenn ich es richtig in Erinnerung habe, wurde zu Beginn des harten Lockdowns einmal von einem Ziel von unter 1000 Neuinfektionen täglich gesprochen – und davon sind wir ein gutes Stück entfernt.

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Blog: COVID-Massentests Teil II

Die Vorbereitungen zu den Massentests sind seit dem „Blitzüberfall“ der Tiroler Landesregierung auf die Gemeinden jetzt voll im Gange.

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Blog: COVID-Massentests Teil I

Kaum hat unsere Regierung eine Idee, schon gibt es wieder Zwischenrufe, das wäre Blödsinn. Im Moment ist das Thema die geplanten COVID-Massentests der Bevölkerung mit Antigen-Schnelltests.

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Blog: 4:3 - oder COVID im Pflegeheim

Leider muss ich heute Vormittag wieder einmal einen Totenschein für einen Bewohner von unserem Pflegeheim ausstellen. Es steht 3:4 für COVID. Wir hatten vier erkrankte Bewohner, drei von ihnen sind verstorben.

Auch in den Medien ist die enorm hohe Zahl an COVID-Toten in den Wohnheimen im Moment ein großes Thema. Wir haben dort die mit Abstand am stärksten gefährdete Gruppe innerhalb unserer Bevölkerung. Mein Patient, den ich nach der Vormittagsordination zum letzten Mal im Zuge der Totenbeschau besuchen werde, hatte eine COPD und brauchte permanent Sauerstoff, er war übergewichtig und Diabetiker und konnte ohne fremde Hilfe das Bett nicht mehr verlassen. Bereits bei Diagnosestellung vor knapp drei Wochen war klar, dass er keine gute Prognose haben wird.

Wie sollen wir jetzt mit diesen Menschen umgehen? Wir sollten einfach ihren Willen respektieren. Mein Patient hat zu Beginn der Erkrankung ganz klar ausgedrückt, dass er - komme was wolle - auf keinen Fall in ein Krankenhaus will. Auch wenn er sterben sollte, wolle er das bei uns im Pflegeheim. Wir sprechen dann von einer - wie es so schön heißt - "best supportive care". Wir kümmern uns bei diesen Patienten darum, dass sie möglichst nicht an ihrer Krankheit leiden müssen. Es wird ein sogenannter Palliativplan erstellt, in dem exakt festgehalten wird, was der Patient in welcher Menge erhalten darf. Sauerstoff und Morphium bei Schmerzen, Angst oder Atemnot. Unsere Aufgabe ist es, ein menschenwürdiges, selbstbestimmtes Ende des Lebens zu ermöglichen - allerdings niemals aktiv einem Leben ein Ende zu setzten! Auf diese Weise erweisen wir unseren älteren Mitmenschen den letzten Respekt, ein Sterben in ihrer vertrauten Umgebung - und helfen andererseits mit, die medizinischen Strukturen in den Krankenhäusern zu entlasten. 

Blog: 10.000 x gelesen

Diese Woche hatte mein Blog den zehntausendsten Zugriff! DANKE für Euer Interesse! Es macht natürlich wesentlich mehr Spaß zu schreiben, wenn es auch gelesen wird.

Blog: Lockdown-Zwischenstand

Seit Dienstag haben wir nun also einen "harten" Lockdown. Es wäre aber verfrüht, jetzt bereits Rückgänge der Neuinfektionen aus dieser Maßnahme zu erwarten.

Der erste Lockdown wurde am 16. März 2020 gestartet. Die höchste Zahl an täglichen Neuinfektionen hatten wir mit einer vergleichsweise geringen Anzahl von 1050 am 26. März, also 10 Tage später. Wir müssen somit auch jetzt davon ausgehen, dass wir das Ergebnis des aktuellen "harten" Lockdowns erst kommende Woche (Richtung Wochenende) sehen werden.

Die aktuelle Stabilisierung der Infektionszahlen auf einem leider recht hohen Niveau ist noch das Ergebnis des vorausgegangenen "weichen" Lockdowns. Die 7 Tages-Inzidenz (Durchschnitt der Neuinfektionen der letzten 7 Tagen pro 100.000 Bewohner) in Österreich ist nun ein klein wenig von etwas über 500 auf 480 gesunken. So lange allerdings die täglichen Neuinfektionen im vierstelligen Bereich sind, werden täglich Neupatienten im zweistelligen Bereich eine intensivmedizinische Versorgung benötigen. Bei den recht langen Intensivaufenthalten von COVID-19 Patienten wird es bis Ende kommender Woche für unsere medizinische Versorgung schwer kranker Menschen doch recht eng werden. 

Somit dürfen wir mit einer Trendwende erst etwas mehr wie eine Woche vor dem im Moment noch geplanten Ende des laufenden Lockdowns rechnen. Bis dahin wird die Situation in unseren Krankenhäusern eine mehr wie angespannte sein. Das System gerät an seine Belastungsgrenze. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass sich in der darauf folgenden letzten Woche des Lockdowns an dieser Situation irgendetwas gravierend ändern wird.

Von daher verstehe ich auch die aus der Not geborene Idee der Regierung mit Massentests der Bevölkerung mittels Antigen-Schnelltests. Um zumindest eine kleine Chance zu haben, den Lockdown zum geplanten Termin mit 8. Dezember (zum Weihnachtsgeschäft) aufzuheben. Und um die Geschäfte zumindest bis über Weihnachten offen zu halten.

Wenn ich auch nur mit 80% Sensitivität der Tests rechne, so finde ich doch 4 von 5 COVID-Infizierte und kann verhindern, dass diese die Erkrankung im Bekanntenkreis, in der Arbeit oder in der Schule weiterverbreiten. 

Allerdings sehe ich hier zwei Probleme:

1) die teilweise nicht vorhandene Bereitschaft in der Bevölkerung, mitzumachen. Ich hatte gestern Abend auf Facebook eine Diskussion mit einer Dame, welche meinte, sie wird sicher keinen Schnelltest machen. Wenn sie positiv wäre müsste sie ja dann bis Weihnachten in Quarantäne. Dass sie andere anstecken könnte ist ihr egal.

2) das größere Problem sehe ich in der Organisation: es gilt, in wenigen Tagen einige Millionen Menschen zu testen. Abgesehen davon, dass derzeit kaum Antigentests am Markt erhältlich sind (hoffentlich vom Bund aufgekauft), ist es eine enorme Herausforderung, täglich mehrere hunderttausend Menschen zu testen. Ohne enorme Wartezeiten - weil diese die Motivation sich testen zu lassen, nochmals deutlich senken würden. 

Angenommen eine Teststraße schafft alle 2 Minuten einen Test (mit ausreichend Personal zur Datenaufnahme, Testentnahme, Testdurchführung und Testeingabe bzw. Bescheiderstellung) und arbeitet 12 Stunden am Tag mit wechselnden Teams durch: dann schafft diese Teststraße gerade einmal 360 Tests täglich. Angenommen, die Tests sollten in einer Woche fertig sein, und angenommen, etwas weniger wie die halbe Bevölkerung lässt sich testen, so bräuchten wir in Österreich 1.500 solcher Teststraßen. Die Regierung hat von heute weg noch 2 Wochen Zeit. Ich würde diese Maßnahme zumindest einmal als ambitioniert bezeichnen. Wenn ich mir im Gegenzug die Überforderung unserer Behörden mit den aktuellen paartausend positiven Fällen täglich ansehen, dann melden sich bei mir doch Zweifel, wie das ganze funktionieren soll und wird. 

 

Blog: wo ist der Lockdown & Expertenmeinungen

Ich musste jetzt gerade meine Tochter zum einem Termin nach Innsbruck bringen. Ich hatte die Idee, mit unserem Hund inzwischen eine halbe Stunde durch die im Lockdown wohl verlassene Stadt und am Inn entlang ein Stück spazieren zu gehen. 

Welch ein Irrtum: wie in den besten Zeiten sind alle Parkplätze belegt. In den Straßen herrscht fast schon Gedränge, am Innufer tummeln sich junge und nicht mehr ganz so junge Menschen - als wenn nichts wäre. Dass gestern in Österreich alle 13 Minuten ein Mensch an COVID verstorben ist, ist wohl völlig egal. Wo ist der Lockdown???

Es beginnen nun aber der Reihe nach Experten, die das ganze Getue um COVID eher nicht so eng gesehen haben, "Fehler" in ihrer Einschätzung eingestehen. So geschehen beim bekannten deutschen Virologen Hendrick Streek, und nun auch beim Grazer Public-health Spezialisten Martin Sprenger. Nur bei den Teilen der Bevölkerung, denen diese "alles nicht so Schlimm"-Sicht der Dinge bis jetzt recht willkommen gewesen zu sein scheint, hat sich das leider irgendwie noch nicht durchgesprochen.

Der zuverlässigste Experte, dessen Zahlen am besten stimmen (und der mir aus der Seele spricht) ist im Moment der Mathematiker Erich Neuwirth auf Twitter. Nur so als Tipp für alle Interessierten.