Blog: COVID-Impfung, AstraZeneca und Thrombose

Warnung! Es wird lang und recht medizinisch - auch wenn ich mich bemüht habe, es auch für Nicht-Medizinier verständlich zu schreiben.

In den letzten Tagen ist es zu einer zunehmenden Verunsicherung über die COVID-Impfung insbesondere mit dem Impfstoff von AstraZeneca gekommen, da sich Berichte über Gerinnungsstörungen und thrombotische Ereignisse (Blutgerinnsel) – auch in Österreich – gehäuft haben. Deutschland, Italien und 13 andere Staaten haben die Impfung mit AstraZeneca inzwischen ausgesetzt, Österreich impft noch, die WHO empfiehlt, weiter zu impfen. Und die europäische Zulassungsbehörde EMA prüft noch.

Besteht also grundsätzlich die Möglichkeit, dass eine COVID-Impfung wirklich diese schwere, teils tödliche Nebenwirkung hat? Meiner Meinung nach ja.

Es wurde bereits zu Beginn der COVID-Pandemie in China beschrieben, dass eine nicht unerhebliche Anzahl von COVID-Patienten im Krankenhaus an einer verminderten Anzahl von Blutplättchen und Gerinnungsstörungen litt.

Um zu verstehen, was nun eine verminderte Anzahl von Blutplättchen – eigentlich ein Risikofaktor für Blutungen – und Blutgerinnsel miteinander zu tun haben, können wir ein gutes vergleichbares Beispiel heranziehen: die Heparininduzierte Thombozytopenie (HIT). Eine gefürchtete Nebenwirkung bei der Verabreichung von Heparin, einem Medikament zur Gerinnungshemmung und Vorbeugung vor Thrombosen. Heparin bindet in unserem Körper an verschiedene Proteine (Eiweißpartikel). Gegen diesen Heparin/Protein-Komplex bildet unser Immunsystem mit etwas Pech Antikörper. Der an diesen Komplex gebundene Antikörper kann dann in weiterer Folge Blutplättchen aktivieren und diese beginnen zu verklumpen. Dadurch sinkt einerseits die frei verfügbare Menge an Blutplättchen („Thrombozytopenie“) und es kommt zu unerwünschten Einblutungen in Haut und Organe. Andererseits bilden die verklumpten Blutplättchen Thrombosen und können unter anderem zur Lungenembolie führen.

Es gibt nun (BMJ/2021/Mar 11) zumindest zwei Theorien, wie solch ein Vorgang durch eine COVID-Impfung ausgelöst werden könnte:

  • Es wäre möglich, dass die mRNA bzw. der Impfvektor direkt in die Blutplättchen gelangt und auch in diesen nun die – eigentlich für die Antikörperbildung erwünschten – COVID-Spikeproteine produziert werden. Somit würden Blutplättchen dann von COVID-Antikörpern erkannt und in weiterer Folge aktiviert werden. Es kommt wieder zum Verklumpen der Blutplättchen mit einerseits Abfall der frei verfügbaren Blutplättchen und andererseits zur Bildung von Thrombosen.
  • Manche Autoren vermuten hingegen, dass der Impfstoff eine direkte Autoimmunantwort gegen Blutplättchen und somit wiederum den bereits mehrfach beschriebenen Prozess von Abfall der Blutplättchen einerseits und Thrombose andererseits einleitet.

Somit stellen sich zwei Fragen:

  • Ist das Ganze wirklich nur ein Problem vom Impfstoff von AstraZeneca? Wir wissen es nicht – es wurden auch thrombembolische Ereignisse bei BioNTech/Pfizer und Moderna beschrieben. Leider kann ich beim besten Willen keine wirklich vernünftigen Zahlen dazu finden. Es würde mich aber nicht wundern, wenn sich im Laufe der nächsten Zeit herausstellen würde, dass das Problem auch bei anderen Impfstoffen besteht.
  • Ist es sinnvoll, nun einen einzelnen Impfstoff (AstraZeneca) auszusetzen oder vom Markt zu nehmen? Grundsätzlich steht mir hier kein Urteil zu. Wie bereits erwähnt, stehen keine validen Daten zur Verfügung, um das zu beurteilen.
  • Würde ich mich mit meinem heutigen Wissensstand mit AstraZeneca impfen lassen? JA! Laut den bisher verfügbaren Daten trat nach etwa einer von 200.000 AstraZeneca-Impfungen ein thrombembolisches Geschehen auf. Die Wahrscheinlichkeit für ein spontanes thrombembolisches Ereignis in der Gesamtbevölkerung liegt je nach Angabe zwischen 1 von 1000 und 1 von 10.000 pro Jahr. Das Risiko, einfach so „aus heiterem Himmel“ an einer Thrombose zu erkranken ist also wesentlich höher als das Risiko, eine Thrombose aufgrund einer COVID-Impfung zu bekommen.

In Anbetracht des letzten Absatzes widerspreche ich mir eigentlich selber. Weiter oben habe ich geschrieben, dass ich einen Zusammenhang mit der Impfung für wahrscheinlich halte!

Ich glaube, dass wir hier differenzieren müssen: einerseits gibt es die „banale“ Thrombose, vereinzelt mit einer – gerade bei jungen Frauen, die die Pille nehmen – gar nicht so seltenen Lungenembolie. Hier ist es meines Erachtens aufgrund der Häufigkeiten nicht zulässig, einen kausalen Zusammenhang zur Impfung zu vermuten. Andererseits gab es aber nach COVID Impfungen vereinzelte komplexe Immunthrombozytopenien (thrombembolische Geschehen mit Abfall der Blutplättchenzahl/Gerinnungsstörung) und auch vereinzelte Fälle einer in der gesunden Bevölkerung eher seltenen Sinusvenenthrombose (Blutgerinnsel im Gehirn). Hier ist ein Zusammenhang mit der Impfung meines Erachtens nicht ganz so unwahrscheinlich. Allerdings machen diese „Spezialfälle“ vermutlich nur einen sehr geringen Teil der bisher gemeldeten Zwischenfälle aus. Mit einem entsprechend extrem niedrigen Risiko, einen solchen nach einer COVID-Impfung zu erleiden.

Bei jeder Ruhigstellung eines Beines (Gips/Schiene) verordnen wir vorbeugend (!) unser gutes altes niedermolekulares Heparin („Thrombosespritze“) und riskieren wissentlich mit einem Risiko von ca. 1:10.000 eine – weiter oben beschriebene - heparininduzierte Immunthrombozytopenie. (Fachinformation Lovenox: selten (1:1000 – 1:10000) Fälle von immunologisch bedingter allergischer Thrombozytopenie mit Thrombose; manchmal ging die Thrombose mit den Komplikationen Organinfarkt oder Ischämie der Gliedmaßen einher.)

Und bei einer ebenso sinnvollen prophylaktischen COVID-Impfung wäre dann plötzlich ein potentielles Risiko von 1:200.000 ein Problem? Für mich nicht.