Schutzmasken

Nachdem sich die "Experten" im Moment gegenseitig widersprechen, ob nun ein generelles Tragen von Schutzmasken mehr Nutzen oder mehr Schaden mit sich bringt, hier wieder meine Privatmeinung zu dem Thema: 

Es muss ein für alle mal klar gestellt werden, dass der Zweck der Schutzmaske in der Öffentlichkeit ein Schutz für die Mitmenschen, nicht für den Träger ist!

Vereinfacht gesagt fängt eine Schutzmaske - auch die einfachste - die Tröpfchen, die wir beim Atmen, beim Reden und beim Husten in die Luft abgeben, ab. Dafür brauche ich keine FFP2 oder FFP3  Masken, da es ja gar nicht um das Virus selbst geht!

Zur vielfach getätigten Aussage, es reiche, wenn symptomatische Patienten eine Schutzmaske aufsetzen würden: es scheint mittlerweile doch gesichert, dass 40% bis 60% aller COVID-Infizierten (fast) KEINE Symptome entwickeln, aber trotzdem fleißig - ohne es zu ahnen - ihre Umwelt anstecken. Fazit: Schutzmasken bei gesunden Menschen sind sinnvoll und zweckmäßig!

Weiters wird immer wieder kritisiert, dass die Verwendung von Schutzmasken bei ungeübten Personen mehr Schaden wie Nutzen bringt, da beim Anlegen und vor allem beim Abnehmen Fehler passieren würden und Keime von der Schutzmaske auf deren Besitzer übertragen werden. Das stimmt - aber nur, wenn die Schutzmaske als Eigenschutz gesehen wird. In unserem Fall ist aber die Idee der Schutzmaske, meine Mitmenschen zu schützen. Wenn ich danach meine eigene Maske mit meinen eigenen Keimen fälschlicherweise in die Hand nehme, passiert - gar nichts.

Mein Hausverstand plädiert somit offiziell FÜR das Tragen von Masken. Vor allem, weil es die Grundvoraussetzung ist, nach Ostern nach und nach die geschlossenen Geschäfte wieder zu öffnen und die stillgelegte Wirtschaft langsam wieder in die Gänge kommen zu lassen. 

Nachdem wir gestern nunmehr eine weitere Lieferung Schutzmasken (FFP2 für Ärzte und Patientenmasken) bekommen haben, haben auch wir nun - die eigenen Einkäufe und die Spenden unserer Patienten eingeschlossen - ausreichend Schutzmaterial, um für die nächsten Wochen gerüstet zu sein.

 

Paradigmenwechsel ?

Gestern war in der "Presse" ein Artikel zu lesen, in dem eine neue Strategie gegen COVID-19 angesprochen wurde.

Wenn wir es schaffen, die Neuerkrankungen zunehmend einzudämmen, würden bis zum Erreichen einer Herdenimmunität in Österreich Jahre vergehen - und trotzdem tausende Menschen sterben. Ein alternatives Vorgehen - ohne Herdenimmunität - kann nur dann funktionieren, wenn in absehbarer Zeit (Monate) wirkungsvolle Medikamente gegen COVID-19 erhältlich sind. Die aktuellen Hoffnungsträger sind (nun doch wieder) das Malariamedikament Chloroquin - wobei Europa den amerikanischen Präsidenten Trump vor zwei Wochen auslachte, als Amerika begann, Chloroquin aufzukaufen. Das Medikament APN1 des österreichischen Forschers Josef Penninger und Redemsivir, welches eigentlich gegen Ebola entwickelt wurde.

Natürlich ist der Ansatz verlockend: 3 bis 4 Monaten Vorsicht, dann ein wirksames Medikament. Allerdings müssten wir dann unsere Bemühungen noch deutlich verstärken. Wir haben im Moment zwar einen sensationell niedrigen Anstieg von etwa 5% nachgewiesenen Neuinfektionen pro Tag. Allerdings bedeutet ein 5%iger Anstieg täglich immer noch, dass wir bei Start mit 10.000 Erkrankten heute, 1. April 2020, am 19. Mai 2020 bereits die 100.000er Grenze überschritten hätten. Mit einer vermutlich mindestes 20 mal so hohen Dunkelziffer.

Seit gestern gibt es in Tirol einen kleinen Silberstreif am Horizont: die Zahl der Infektionen war erstmals rückläufig, d.h. es gab mehr offiziell wieder "geheilte" Menschen wie Neuerkrankungen an einem Tag. Trotzdem wage ich meinerseits im Augenblick keinerlei Prognose, wie sich die Situation weiter entwickeln wird. Vielleicht heißt es eines Tages "ganz Österreich wurde mit COVID-19 infiziert. Ganz Österreich? Nein, ein kleines Dorf in den Tiroler Alpen westlich von Innsbruck hörte nicht auf, dem Virus Widerstand zu leisten ..."  

 

Maskenpflicht und andere Neuigkeiten

Ab Morgen haben wir also in unseren Supermärkten generelle Schutzmaskenpflicht. Ich finde diese Maßnahme sehr vernünftig, um die Verteilung von COVID 19 weiter einzudämmen. Eine einfache Maske schützt zwar ihren Träger kaum, hilft aber den Mitmenschen.

Stand an Infektionen heute morgen: 9618. Wir werden heute die 10.000er Marke erreichen. Der tägliche Anstieg an nachgewiesenen Neuinfektionen ist nun im einstelligen Bereich - allerdings kommen täglich neue schwerst erkrankte Menschen und Tote dazu. Wir haben über 100 Verstorbene, somit etwas über 1% Sterblichkeit unter den nachgewiesenen Infektionen. Immer noch die große Unbekannte: die Dunkelziffer! In den verschiedenen Zeitungen wurde gestern über eine Dunkelziffer vom 5 bis zum über 20 fachen geschrieben. Ich würde anhand der bisher Verstorbenen vom knapp 10-fachen ausgehen, somit von etwas unter 100.000 Infektionen insgesamt in Österreich.

Von der sogenannten Herdenimmunität - für die wir mindestens 4 bis 5 Millionen Menschen mit abgelaufenen Infektionen brauchen - sind wir damit noch meilenweit entfernt. Es werden mindestens 30 bis 60 mal so viele Menschen an COVID-19 erkranken müssen, damit die Epidemie endet. Es werden mindestens 30 bis 60 mal so viele Menschen schwer erkranken - und unser Gesundheitssystem in den nächsten Wochen an den Rand des Zusammenbruchs bringen. Es werden mindestens 30 mal so viele Menschen wie bisher an COVID-19 sterben, somit zumindest die von mir prognostizierten 3.000 (Siehe Sterblichkeit).

Ausgehend von (mindestens) 10.000 Erkrankten, die beatmet werden müssen und von im Moment gut 1000 freien Beatmungsplätzen in Österreichs Krankenhäusern (der Rest ist ja von Menschen mit anderen Erkrankungen belegt!) müssen sich die Patienten zeitlich gut verteilen. Bei angenommenen 10 Tagen Beatmungstagen im Durchschnitt pro Patient wären das 10.000 Patienten x 10 Beatmungstage / 1000 Beatmungsgeräte = ein Zeitraum von 100 Tagen. Wir müssen den zeitlichen Verlauf der Erkrankungen mit allen uns zur Verfügung stehenden Maßnahmen auf die zumindest nächsten drei Monate - April bis Juni - hinauszögern! Sonst wird es hässlich, so wie im Moment in einem Krankenhaus in Frankreich: ab 80 Jahren prinzipiell keine Beatmung mehr, nur noch Morphium.

Somit wiederhole ich meine Bitte: Seid vernünftig! Bleibt zu Hause und verwendet beim Einkaufen Masken. Und stellt Euch darauf ein, dass das Leben bis in den Sommer hinein nicht so wird, wie wir es gewohnt sind. Langsam glaube ich nicht mehr, dass unsere Kinder vor Sommer noch zur Schule gehen, und auch meinen Anfang Juli gebuchten Sommerurlaub habe ich schon ein bisschen abgeschrieben...

update

Im Moment läuft es bei uns in Österreich recht gut. Die neuesten Statistiken zeigen einen ständigen Rückgang beim prozentualen Anstieg der Neuinfektionen. Waren es vor 2 Wochen noch 33% Neuinfektionen pro Tag, so hat sich das in den letzten Tagen auf 18%, vorgestern 14% und gestern 10% verringert. Das Ziel der Regierung - ein einstelliger prozentueller Zuwachst bis Ostern - scheint in greifbarer Nähe.

In absoluten Zahlen bedeutet das aber trotzdem, dass es täglich über 800 (bald über 1000) nachgewiesene Neuinfektionen gibt. Wir stehen heute morgen laut Homepage des Gesundheitsministeriums bei knapp 8300 positiv getesteten Personen. Der Gipfel der Epidemie wird laut Gesundheitsministerium in etwa 4 (+/-2) Wochen erreicht sein, meiner Schätzung nach bei etwa 30.000 bis 50.000 positiven Tests. Die große Unbekannte ist natürlich die Dunkelziffer der Infizierten! 

Laut Homepage Sozialministerium liegen im Moment 174 COVID-Patienten auf Österreichs Intensivstationen, 73 Menschen sind bisher offiziell an COVID-19 verstorben. Die Sterblichkeit unter allen positiv Getesteten liegt somit bei 0,88%. Besser als wir ist nur noch Deutschland. Die Sterblichkeit in Italien und Spanien ist gut 10 mal so hoch!

Zusammenfassend bedeutet das: im Moment sind unsere medizinischen Ressourcen mehr wie ausreichend, unsere Sterblichkeitsraten sind extrem gering, aber in den nächsten Wochen werden auch wir im Gesundheitssystem an die Grenzen unserer Möglichkeiten stoßen!

Wenn wir aber so weitermachen und vernünftig bleiben (Ausnahmen bestätigen leider die Regel), besteht wirklich die Möglichkeit, dass wir in Österreich mit einem "blauen Auge" davonkommen. Die Einschränkungen in unserem täglichen Leben - und auch für unsere Wirtschaft - werden uns die nächsten Wochen aber noch weiter begleiten. Jedenfalls ist es in Zeiten wie diesen definitiv am Gesündesten, in Deutschland oder Österreich leben zu dürfen!

Es geht weiter...

Stand in Österreich, 26.03.2020, 15:00 Uhr
Bisher durchgeführte Testungen: 35.995 

Bestätigte Fälle: 6.398
Todesfälle: 49

(Quelle: Sozialministerium)

Die Zahl der positiv Getesteten wird heute die 7000er Marke sprengen. Unsere Krankenhäuser sind nach Auskunft von befreundeten Ärzten weitgehend vorbereitet - bis auf gelegentliche Probleme mit den Schutzmasken. Zams hat seine maximale Kapazität mittlerweile erwartungsgemäß erreicht, aufgrund der bemerkenswerten Mitarbeit der lokalen niedergelassenen Ärzte funktioniert die medizinische Versorgung in dieser Region aber noch recht gut. ( https://tirol.orf.at/stories/3041028 )

Unser Bundeskanzler hat vermutlich meinen letzten Blogeintrag gelesen und gestern verkündet, dass wir auch nach Ostern nicht mit unserer gewohnten Normalität rechnen können ;-) .

Scherz beiseite. Wir hatten gestern eine kleine Schrecksekunde in der Praxis: meine Turnusärztin fühlte sich krank und klagte über Druck in der Brust beim Atmen. Typische Symptome für COVID-19. Wir brauchten einen Test. Wenn sie positiv wäre, müssten wir die Praxis zusperren - Quarantäne! Bei einer Testung über den regulären Weg (1450) über die Virologie Innsbruck wartet man im Moment einige Tage, da die Virologie in Innsbruck weit über 1000 Tests im Rückstand ist. Wir haben aber Wochenenddienst. Wenn ich zusperre, gibt es am Wochenende keine medizinische Versorgung, wenn ich die Praxis öffne, und die halbe Mannschaft wäre positiv ... dann sind wir der größte Infektionsherd im Ort!

Anruf bei einem privaten mikrobiologischen Labor, welches im Auftrag des Landes PCR-Tests auf COVID-19 macht. Antwort: Tests bei medizinischem Personal am selben Tag sind laut Land Tirol möglich. Aber nur, wenn von der zuständigen Bezirkshauptmannschaft in Auftrag gegeben. Somit Anruf bei der BH Innsbruck. Kein Arzt erreichbar. Anruf bei einer befreundeten Ärztin, die im Moment in der BH Innsbruck aushilft. Ich erhalte die Auskunft, dass nicht die für meine Ordination zuständige BH den Test in Auftrag geben darf, sondern das aufgrund des Wohnortes meiner Turnusärztin zuständige Magistrat der Stadt Innsbruck. Anruf am Magistrat: "derzeit nur Notbesetzung...". Nach insgesamt einer Stunde am Telefon hatte ich schlussendlich grünes Licht für den Test am selben Tag. Am Abend dann der alles entscheidende Anruf aus dem Labor: alles in Ordnung, der Test ist negativ. Unsere Ordination bleibt offen!

Am Vormittag durfte ich dann noch am Bauhof der Stadt Innsbruck meine Bestellung an Schutzbekleidung vom Land Tirol abholen. Bestellt habe ich für uns drei Ärzte 20 FFP3 Masken, 200 FFP 1 Masken für Patienten, 5 Packungen Handschuhe. In der Schachtel waren 2 FFP3 Masken, 50 FFP2 Masken und eine Packung Handschuhe...

aktuelle Entwicklung

Eigentlich entwickeln sich die COVID-19 Zahlen im Moment österreichweit nicht so schlecht. Ein exponentielles Anwachsen der Fallzahlen konnte bundesweit bisher weitgehend verhindert werden. In unserem Ort ist der offizielle Stand bei 3100 Einwohnern immer noch ein COVID-19 positiver Patient in Quarantäne, dem es gut geht. Keine Neuerkrankung. In Summe sind in Österreich im Moment etwas über 5000 positive Fälle bekannt, 28 Todesfälle. Die Sterblichkeit liegt somit bei 0,5% aller bekannten Fälle, die Gesamtzahl aller Infizierten wird sich einschließlich Dunkelziffer nach meiner Schätzung irgendwo zwischen 15.000 und 20.000 bewegen. Italien hatte nach den ersten 5000 bestätigten Fällen bereits über 3% bzw. über 150 Tote.

Der absolute österreichische Krisenherd aber ist Landeck. In einem Bezirk mit 43.000 Einwohner gibt es über 400 positiv getestete Personen. Im Rest von Österreich verteilen sich heute 4600 nachgewiesene Infektionen auf 8,5 Millionen Einwohner. Somit wurde in Landeck 1% der Bevölkerung positiv getestet, 0,06% im Rest von Österreich. Bei 1% nachgewiesenen Infektionen ist naturgemäß mit einer deutlich höheren Dunkelziffer zu rechnen als bei 0,06% im restlichen Österreich. Angenommen, die Dunkelziffer liegt im Bezirk Landeck (wie ich vermute) beim 5 bis eher 10-fachen und nicht beim 3-fachen der positiv getesteten Fälle, dann hätte ich dort 2000 bis eher 4000 infizierte Menschen (an dieser Stelle kurz ein herzliches vergelt's Gott an die Verantwortlichen des Landes Tirol!). Dann wären nach meinen Schätzungen 10 bis eher 20 beatmungspflichtige Patienten und 3-6 Tote zu erwarten. Stand heute: 19 COVID-Intensivpatienten in Tirol.

Aufgrund der hohen Dunkelziffer - somit fehlenden Quarantänemaßnahmen bei einzelnen infizierten Personen - ist in diesem Gebiet von einer weiteren, mittlerweile kaum kontrollierbaren Zunahme der Infektionen auszugehen - und das KH Zams beginnt erwartungsgemäß nach Berichten von Ärzten langsam an seine Kapazitätsgrenzen zu stoßen.

Ich bin neugierig (und skeptisch), ob sich diese Entwicklung in Landeck in absehbarer Zeit eindämmen lässt. Unabdingbar - wenn auch unmenschlich - ist es, diese Region bis auf weiteres bestmöglich abzuriegeln. Jedenfalls bin ich bei diesen lokalen Entwicklungen immens dankbar für die aktuellen Quarantänemaßnahmen für jede Gemeinde.

 

Es funktioniert - und nun ?

Laut den Zahlen auf info@gesundheitsministerium.at scheinen die Maßnahmen in Österreich zu funktionieren!

Die Zeit, in der sich die Infektionen verdoppeln, beginnt zu sinken. Die Anzahl der nachgewiesenen Neuinfektionen liegt bei einem zunehmenden Ausbau der Testkapazitäten bei etwa 300 bis 400 Fälle pro Tag. Wir haben in Österreich bei im Moment etwas über 3500 Infektionen 16 Tote und 15 Patienten in intensiv-medizinischer Betreuung. Die Sterblichkeit liegt bei 0,45% aller positiv getesteten Fälle. Nach meiner Theorie, dass die Sterblichkeit bei 0,15% aller Infektionen liegt, würde das eine Dunkelziffer von etwa noch einmal dem Doppelten ergeben, d.h. in Summe gut 10.000 Infektionen in Österreich. In unserem Ort haben wir im Moment überhaupt nur eine einzige nachgewiesene Infektion. 

So weit so gut. Allerdings gibt es ein Problem: Bis zum Erreichen einer Herdenimmunität in unserer Bevölkerung würden bei der aktuellen Zahl an  Neuinfektionen Jahre vergehen. Wir können aber nicht ewig so weitermachen! Wir können nicht über Jahre die Schulen schließen, unsere Bevölkerung in Quarantäne stecken und die Wirtschaft aushungern. Irgendwann muss sich das Leben wieder normalisieren. Und auch wenn es uns gelingt, das Virus in Österreich ganz auszurotten - was unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich ist - so können wir nicht bis zur Markteinführung einer wirksamen Impfung alle unsere Grenzen dicht machen und alle Flüge aus dem Ausland verbieten.

Ich habe selber keine Ahnung, wie das nun genau weitergehen wird. Vermutlich werden wir bis Anfang 2021 (da würde ich persönlich mit einer Impfung rechnen) eine Art "Eiertanz" veranstalten. Langsames Aufheben der Beschränkungen, bei Aufflammen der Infektion wieder lokale Beschränkungen. Oder wir sind bis auf weiteres einfach ganz vernünftig - wie die Südkoreaner. Was ich mir aber nicht vorstellen kann: dass meine Kinder das ganze Jahr nicht mehr zu Oma und Opa dürfen. Die sterben dann zwar nicht an COVID-19, aber an Einsamkeit.

ein Plädoyer für Hausärzte

Ich habe mir heute mal überlegt, was eigentlich wäre, wenn die allgemeinmedizinische Versorgung die Struktur hätte, die die Politik in letzter Zeit immer lautstark propagiert hat:

Es gäbe nur noch vereinzelte Hausärzte in Einzelpraxen. Der Rest der medizinischen Versorgung würde über Primärversorgungszentren (PHCs) oder (Steiermark) kleine Ambulatorien laufen, in der Stadt auch vermehrt über Allgemeinmedizin-Ambulanzen in den Krankenhäusern. Die Patienten müssten dann - trotz Quarantäne - für jeden Arztbesuch den Ort verlassen. 

Auch wenn noch so viele Fälle telefonisch abgewickelt werden, so würde in den Wartezimmern dieser Groß-Strukturen immer noch ein Vielfaches an kranken Patienten sitzen und sich gegenseitig anstecken. Und wenn es eines dieser Zentren "erwischt", d.h. das Personal am Virus erkrankt und das Ambulatorium aufgrund von Quarantäne geschlossen wird, fällt die basis-medizinische Versorgung für eine ganze Region aus. Dezentrale Strukturen sind also wesentlich krisenfester.

Ich hoffe, dass nach dieser Krise die Wertschätzung für uns Hausärzte seitens der Politik ein wenig besser wird.

Noch ein kurzer Nachtrag zur Dunkelziffer der Infektionen in Italien: in einer kleinen Gemeinde namens Vo (Venetien) mit knapp 3400 Einwohnern gab es offiziell 2 COVID-Fälle. Nachdem Italien nun endlich großflächiger zu testen beginnt, wurde der ganze Ort getestet. Ergebnis: 66 positive Fälle. 33 x soviel wie bekannt. Ich befürchte, dass sich diese Dunkelziffer auf die ganze Region anwenden lässt. Somit hätte Italien statt etwa 50.000 Fälle sage und schreibe 1.500.000 Fälle - passend zur Anzahl der Verstorbenen. 

Linearität und Dummheit...

Wenn ich mir die aktuellen Zahlen der COVID-Infektionen auf https://info.gesundheitsministerium.at/ so ansehe, dann sieht das seit zwei Tagen wie ein linearer Anstieg der Infektionen aus. Der Schritt vom exponentiellen Wachstum (jeden Tag eine noch höhere Anzahl von Neuinfektionen) auf einen linearen Anstieg (die Anzahl der Neuinfektionen bleibt jeden Tag in etwa gleich hoch) wäre ein erster wichtiger Schritt in Richtung Kontrolle dieser Pandemie. Die nächsten Tage bleiben spannend. 

Und das trotz Mitmenschen, die immer noch keine Ahnung zu haben scheinen, wie man sich aktuell (nicht) verhalten sollte. Wenn Kunden beim M-Preis beim Versuch, die kleinen Säckchen in der Obstabteilung zu öffnen, den Finger im Mund befeuchten, und in der gleichen Obstabteilung einzelne Äpfel in die Hand nehmen - und dann wieder zurücklegen. Fazit: bitte Obst immer gut waschen! 

Leider hat es wieder mehrere Kollegen erwischt, welche nach Kontakt mit (nachträglich) positiv getesteten Patienten in Quarantäne und die Praxis 14 Tage zusperren müssen. Somit fallen zunehmend mehr Ordinationen bei der Versorgung der Bevölkerung aus. 

Da sich in unserer Praxis der größte Ansturm auf Rezepte im Laufe der Woche gelegt hat und die Patientenzahlen nun deutlich zurückgehen, werden wir nunmehr auf einen "Zweischicht-Betrieb" umstellen. Eine Woche meine Kollegin und Vertretungsärztin Dr. Feuerstein mit einer Assistentin, eine Woche ich mit der anderen Assistentin. Im Falle einer Infektion mit Quarantäne sollte so immer ein Team bei uns einsatzfähig bleiben. In meiner "freien" Woche mache ich Sprengeldienst, Nachtdienst auf 141 und am Nachmittag telefonische Auskünfte. Und werde die Zeit mit meiner Familie genießen!

 

COVID versus Influenza

Zuerst einmal bin ich beeindruckt vom Interesse an meinem Blog. Alleine gestern haben über 150 Menschen mitgelesen.

Bin auf diepresse.com auf folgenden Artikel gestossen: https://www.diepresse.com/5787776/die-dunkelziffer-des-coronavirus . Hier wird die Sterblichkeit unter allen Infizierten (nicht nur unter den positiv Getesteten!) mit 0,12 berechnet - gar nicht so weit weg von den von mir errechneten 0,15. Und die Influenza? Deren Sterblichkeit wird meistens mit 0,1 angegeben.

Inzwischen haben mich schon viele gefragt, warum wir bei COVID so einen Zirkus machen. Ist ja nur eine bessere Influenza!

Ich denke, dass die Antwort in der Anzahl der Infektionen liegt.

Auch die Influenza schickt jährlich ein paar tausend Österreicher auf die Intensivstation, und auch an der Influenza sterben viele. Die aktuellen Zahlen für Österreich liegen bei etwa 700 Tote pro Jahr, in den letzten Jahren wurden zwischen 1500 und 2500 Tote pro Jahr kolportiert. Ein Problem dabei ist, dass die Zahlen sehr ungenau weil bessere Schätzungen sind.

Der größte Unterschied liegt vermutlich in der Anzahl der Infektionen. Ein COVID-Infizierter steckt im Moment etwa drei gesunde Menschen an. Im ungünstigsten Fall kann das wie im letzten Blogbeitrag beschrieben unser Gesundheitssystem - wie in Italien - zum Einsturz bringen und es sterben dreimal so viele Menschen wie bei einer funktionierenden Struktur.

Ein Influenza-Infizierter steckt nach meinem Wissen etwa 2 gesunde Patienten an. Die Ausbreitung läuft somit langsamer ab als bei COVID, es gibt wesentlich weniger Kranke in kürzester Zeit.

Grob vereinfacht dargestellt schaut das so aus:

Influenza: 1x2=2; 2x2=4; 4x2=8; 8x2=16; 16x2=32; 32x2=64;...

COVID: 1x3=3; 3x3=9; 9x3=27; 27x3=81; 81x3=243; 243x3=729;...

Nicht zu unterschätzen denke ich ist auch der Effekt der Influenza Impfung: jeder Influenza-Geimpfte unterbricht die Infektionskette. In Österreich lassen sich jedes Jahr (leider nur) 10% der Bevölkerung Grippe impfen. Aber auch diese 10% Immunität in der Bevölkerung verlangsamen die Ausbreitung zusätzlich. Und natürlich werden bevorzugt Risikogruppen für einen schweren Verlauf, zum Beispiel Bewohner von Pflegewohnheimen und Menschen mit Vorerkrankungen geimpft. Und auch vermehrt Ärzte und Pflegepersonal als potentielle Verteiler. Und der letzte Unterschied ist, dass die Influenza sich mit Beginn der warmen Jahreszeit zurückzieht, um im Spätherbst wieder zurückzukehren.

Zusammenfassen heißt das, dass für den einzelnen (gesunden) Menschen eine COVID-Infektion nicht wesentlich gefährlicher ist als eine Influenza Infektion. Aber nur, so lange unser Gesundheitssystem das Ganze bewältigen kann - ansonsten wird es hässlich. Also, dahoam bleibn! 

Sterblichkeit

Soeben habe ich einen Artikel gelesen, wo wieder über die zu erwartende Anzahl von Corona-Toten in Österreich spekuliert wurde. Hier einmal meine ganz private Meinung zu diesem Thema:

Deutschland hatte lt WHO gestern 7165 Infektionen mit 12 Toten, macht 0,17%

Italien hatte lt WHO gestern 35533 Infektionen mit 4070 Toten, macht 11,4%

Sterben in Italien wirklich 69 mal so viele Menschen wie in Deutschland an COVID-19? Die wichtigsten Erklärungen für diesen Unterschied bieten meines Erachtens die Dunkelziffer der Infizierten - und der Zusammenbruch der italienischen medizinischen Versorgung. Wenn ich mit einem Test alle Personen erfasse, die sich infiziert haben - auch wenn sie kaum Symptome haben - so werde ich eine eher niedrige Sterblichkeit errechnen (Deutschland). Wenn ich aber nur noch die Personen teste, die bereits schwer erkrankt sind - werden mehr von diesen sterben (Italien). 

Gehen wir nun einmal zu dem Punkt, wann eine Epidemie von selber aufhört: Am Beginn infiziert ein COVID-19 Erkrankter im Schnitt 2-3 gesunde Menschen. Erst wenn ein Infizierter weniger wie einen gesunden Menschen ansteckt, gehen die Infektionszahlen zurück. So wie im Moment in China. Epidemiologen gehen davon aus, dass - je nach Geschwindigkeit der Ausbreitung, somit je nach Effizienz der Maßnahmen - 30% bis 60% der Bevölkerung infiziert sein müssen, damit eine ausreichende "Herdenimmunität" vorhanden ist, um die weitere Ausbreitung zu einzudämmen.

In China stagniert nun in einem Gebiet mit ca. 11.000.000 Einwohner die Zahl der Neuinfektionen. Wir dürfen annehmen, dass - trotz der rigorosen Maßnahmen der chinesischen Regierung - mindestens (!) 20% (eher 30%) der Menschen dort eine Immunität entwickelt haben, somit infiziert waren. Laut offizieller Statistik gibt es aber nur etwas über 81.000 positiv getestete, von denen offiziell etwas über 3000 verstorben sind. Wir haben somit den Widerspruch, dass zumindest über 2.200.000 Bewohner immun sein müssten, aber nur 81.000 Erkrankte positiv getestet wurden. Die Dunkelziffer der infizierten Personen würde in diesem Fall bei etwa 96% liegen! Die Sterblichkeit unter den 81.000 nachgewiesenen Erkrankten liegt offiziell bei etwas über 3% aller positiv getesteten, wenn ich die 3000 Todesfälle auf 2.200.000 Infektionen rechne aber nur bei 0,15% aller Infektionen. Wir nähern uns langsam dem Bereich, in dem die Sterblichkeit aktuell in Deutschland liegt. Die Sterblichkeit lag übrigens zu Beginn in Italien etwa auf dem Niveau von China - und ist nun leider aufgrund des völlig dekompensierten Gesundheitssystems etwa auf das 3-fache angewachsen. 

Ich wage jetzt eine GANZ PRIVATE Prognose: ich rechne (hoffe) in Anbetracht der doch recht beachtlichen Maßnahmen in Österreich mit einer Infektionsrate von etwa 30%, somit etwa 2,5 Mio Infektionen. Solange unser Gesundheitssystem nicht überlastet ist, gehe ich von den in China errechneten 0,15% bis schlimmstenfalls 0,3% Sterblichkeit unter allen Infektionen (nicht nur unter den positiv getesteten!) aus. Das wären somit etwa 3500 bis 7000 Todesfälle in ganz Österreich. Etwas mehr wie die (offiziellen) Zahlen in Wuhan. Schätzungsweise werden zumindest drei mal so viele Menschen intensivmedizinische Betreuung brauchen, in Summe etwa 10.000 bis 20.000. Aufgeteilt auf die nächsten 3 Monate kann das unser Gesundheitssystem mit ganz viel Glück (gerade noch) stemmen. Auf unseren 3000 Einwohner-Ort umgerechnet würde das etwa 2-5 Tote ergeben.

Sollte uns die Infektion allerdings aufgrund der teils erstaunlichen kollektiven Dummheit von Teilen unserer Bevölkerung "überrennen", so müssen wir mit eher 60% Infektionsrate, somit gut 5 Mio Infektionen rechnen. Die Rate der intensivpflichtigen Patienten scheint wie erwähnt etwa 3 mal so hoch zu sein wie die Rate der Todesfälle bei bestmöglicher medizinischer Versorgung, also knapp 0,5% bis 1% aller Infizierten. Macht bei 5 Mio Infektionen ca. 25.000 bis 50.000 intensiv zu versorgende Menschen - und das in kürzester Zeit. Wir können davon nur einen Bruchteil mit unseren etwas über 2000 Intensivbetten in Österreich entsprechend betreuen. Somit würde ein Großteil der eigentlich intensivpflichtigen Patienten (bis zu 50.000 Menschen!) versterben. Italien ist am besten Weg dahin - mit fast 500 Toten in der Nacht von gestern auf heute. Auf unseren Ort umgerechnet bedeutet das etwa 10 bis 20 tote Menschen. 

Fazit: seid´s bitte vernünftig und bleibt zuhause!

DANKE!

Ein Spender aus Axams hat 5 FFP 2 Masken bei uns deponiert, welche sofort in unser Wohnheim gehen.

Morgen hat ein Bewohner aus dem Pflegeheim nach einer OP mit Intensivaufenthalt vor 2 Wochen eine Kontrolle an der Klinik. Das Wohnheim kann damit diesen Patienten für die Fahrt von und zur Klinik sowie die Kontrolle dort mit einer Maske versorgen. Eine COVID-Infektion würde er mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht überleben. DANKE!

Quarantäne

Also, wir stehen seit heute 0.00 - wie auch alle anderen Gemeinden Tirols - unter Quarantäne. Ich glaube, es gibt Schlimmeres, als in unserer wunderschönen Gegend bleiben zu müssen.

Jeder, der zur Arbeit muss, darf seine Gemeinde verlassen, natürlich auch jeder, der einen Arzt braucht. 

Schutzausrüstung

Im Moment ist das Thema des Tages: Schutzausrüstung. Wir haben in der Praxis noch einiges an FFP2 (Danke an die Fa. Fairmed!) und ein paar wenige FFP3 Masken für uns drei Ärzte und das restliche Personal lagernd. Allerdings gehen uns bald die einfachen Masken für die Patienten aus. Unseren Sozialsprengel habe ich mit 10 FFP2 und 10 einfachen Patientenmasken vorerst notdürftig versorgt, unser Wohnheim hat derzeit keine einzige Maske für Personal oder Patienten.

Meine Kollegen, mit denen ich in Kontakt stehe, haben mittlerweile begonnen, über Facebook die Bevölkerung zu informieren, was wir benötigen. Ich habe somit nach knapp 2 Jahren Facebook-Abstinenz einen neuen Account angelegt und auch einen Aufruf gestartet. Es ist umwerfend - nach ein paar Stunden gibt es bereits erste Angebote! Parallel dazu gab es heute im Landessanitätsrat eine Krisensitzung, in der die Tiroler Ärztekammer versucht, für uns Schutzausrüstung vom Land zu bekommen. Im Wissen, dass die TGAM (Tiroler Gesellschaft für Allgemeinmedizin) dabei ist, für morgen einen Aufruf in der Tiroler Tageszeitung zu veröffentlichen mit der Bitte an Firmen, uns mit Schutzkleidung zu unterstützen, kam heute Nachmittag (nach 4 Wochen Kampf) die Rückmeldung von der Ärztekammer, dass wir nun doch auch vom Land Tirol Schutzausrüstung bekommen sollten. Ich lass mich mal überraschen...

Tag 1

Nachdem mit dem Fortschreiten der Corona-Pandemie täglich neue Aha-Erlebnisse auftauchen, habe ich beschlossen, die "Highlights" immer wieder in diesen "Corona-Blog" zu schreiben. Als Information, als Lob an viele Kollegen, ein klein wenig auch zum Frustabbau.